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Armut in Deutschland : Frauen, Singles und Kinder sind besonders gefährdet

Der Arbeitsmarkt in Deutschland boomt seit Jahren. Doch an vielen Menschen geht der Aufschwung vorbei in Deutschland ist jeder Sechste von Armut bedroht.

Carsten Brönstrup
Nachwuchs ohne Zukunft. Kinder haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Foto: dpa
Nachwuchs ohne Zukunft. Kinder haben ein besonders hohes Armutsrisiko.Foto: dpa

Man glaubt es kaum, aber auch Angela Merkel sind große Ziele nicht fremd. „Ich will dem Ziel ,Arbeit für alle‘ Schritt für Schritt näher kommen“, hat die Bundeskanzlerin einmal gesagt. Das sei keinesfalls utopisch. „Jeder soll die Chance bekommen, etwas zu leisten.“

Das war vor vier Jahren, just in der Zeit, als sich die deutsche Wirtschaft zu zeitweise sagenhaften Wachstumsraten aufzuschwingen begann. Ihrem Ziel ist die Regierungschefin bislang aber kaum näher gekommen. 16,1 Prozent der Bundesbürger, also rund 13 Millionen Menschen, waren 2013 von Armut bedroht, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Das bedeutet, dass sie trotz der staatlichen Sozialleistungen am Ende weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Tasche hatten. Im Vergleich zu 2012 hat sich der Anteil der Armen nicht verändert. Ein besonders hohes Risiko, sozial abzurutschen, tragen Frauen, Alleinerziehende, Singles und Arbeitslose.
Im vergangenen Jahr galten alleinstehende Personen als arm, wenn sie weniger als 979 Euro im Monat zur Verfügung hatten. Bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag die Schwelle bei 2056 Euro. Diese Zahlen sind erstaunlich, weil in den vergangenen Jahren hierzulande immer mehr Arbeitsplätze entstanden sind. Die Beschäftigung stieg seit Anfang 2010 um beinahe zwei Millionen. Trotz der aktuellen Konjunkturschwäche dürfte sich der Trend erst einmal fortsetzen, wenn auch mit gebremstem Tempo.

Aufschwung geht an vielen Arbeitslosen vorbei

Davon hat eine ganze Reihe von Menschen nicht profitiert. „Die Haushalte, die ihre Beschäftigung ausgeweitet haben, liegen ohnehin über der Armutsschwelle“, sagte Markus Grabka, Verteilungsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Tagesspiegel. Zudem ist die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor groß: Jobsucher aus dem EU-Ausland haben sich viele der neuen Stellen gesichert – sie sind oft besser qualifiziert als deutsche Bewerber. „Die Menschen am unteren Rand sind oft Langzeitarbeitslose – deren Zahl verharrt hartnäckig bei etwa einer Million“, sagt Grabka. Auch, weil die Bundesagentur für Arbeit ihre Fördermittel für diese Zielgruppe zusammengestrichen habe. Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde ab dem kommenden Jahr werde an dem Problem kaum etwas ändern.

Sozialverbände forderten die Regierung zum Handeln auf. Die „Armutstendenzen“ in Deutschland gebe es aufgrund vieler Entwicklungen, sagte Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK. Dazu zählte sie Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Renten, ungewollte Teilzeitbeschäftigung von Frauen und zu geringe Leistungen in der Grundsicherung. Nötig sei ein „abgestimmtes Vorgehen für mehr sozialen Ausgleich“, erklärte Adolf Bauer, der den Sozialverband Deutschland (SoVD) leitet. Darunter müsse eine „Verstärkung der deutschen Sicherungssysteme“ sein.

Armut ist immer relativ

Allerdings ist Armut stets auch ein relativer Begriff, entscheidend ist also, wie sich das Einkommen im Land insgesamt entwickelt. Selbst wenn es allen Bundesbürgern gleichermaßen besser ginge, ändere sich in Sachen Armut überhaupt nichts, bemerkte Christoph Schröder vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Es sei mithin nicht gerechtfertigt, aus den neuen Zahlen „einen Skandal zu machen“. Man müsse die Job-Chancen der armutsgefährdeten Menschen erhöhen, verlangte er. Dazu müsse die Ganztagsbetreuung von Kindern weiter ausgebaut werden, damit Alleinerziehende Familie und Beruf besser vereinbaren könnten und Kinder aus bildungsfernen Schichten bessere Startmöglichkeiten bekämen.
Auch in anderen Industrieländern bleibt Armut ein Problem. Nach einem Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) hat die weltweite Wirtschaftskrise seit 2008 rund 2,6 Millionen Kinder in den 41 untersuchten Staaten in Armut gestürzt. In Deutschland sei die Quote zwar von 15,2 auf 15,0 Prozent gefallen. In Ländern, in denen die Wirtschaft geschrumpft ist, ist die Kinderarmut demnach aber teilweise stark gestiegen – in Griechenland etwa von 23,0 auf 40,5 Prozent.

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