Arriva-Übernahme : Die Bahn fährt nach Europa

Der Staatskonzern bringt den Kauf von Arriva unter Dach und Fach – und hat große Pläne im Ausland. Fünf bis sechs internationale Großkonzerne bleiben nach Ansicht der Bahn-Strategen in einigen Jahren noch übrig.

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Im Ausland will die Bahn wachsen, das Inlandsgeschäft aber nicht vernachlässigen - ein schwieriger Spagat.
Im Ausland will die Bahn wachsen, das Inlandsgeschäft aber nicht vernachlässigen - ein schwieriger Spagat.Foto: promo

Berlin - David Martin war einer der Großen unter den Verkehrsmanagern in Europa. Gut 42 000 Beschäftigte in zwölf Ländern des Kontinents dirigierte der Brite, ein kleines Vermögen hat er verdient, seit er 2006 auf den Chefsessel kam. Doch jetzt ist das alles vorbei – und Martin nur noch ein kleiner Angestellter der mächtigen Deutschen Bahn. Für Rüdiger Grube, den Vorstandsvorsitzenden des Staatskonzerns, hat hingegen eine neue Ära begonnen. „Von nun an bieten wir Mobilität in einer europäischen Dimension“, sagte er am Freitag.

Zuvor hatte die Bahn die bislang teuerste Übernahme ihrer Geschichte unter Dach und Fach gebracht. Für 2,8 Milliarden Euro inklusive einer Milliarde Euro Schulden übernimmt das Unternehmen den britischen Bahn- und Busbetreiber Arriva. Am kommenden Dienstag um acht Uhr endet die Notierung an der Londoner Börse. Als „eine einmalige Gelegenheit, die sich so schnell nicht wiederholt“ stufte Grube die Transaktion ein – es ist seine erste große Weichenstellung, seit er im Mai 2009 das Spitzenamt bei der Bahn übernommen hat. Einen Bieterkampf mit der ebenfalls nach Höherem strebenden französischen Staatsbahn SNCF konnte er vermeiden – ein solcher Wettstreit hätte schnell sehr teuer werden können für den hoch verschuldeten Konzern.

Grube hat mit Arriva Großes vor. Die Briten sollen ihm helfen, im Zuge der Liberalisierung des europäischen Bahn-Marktes einer der großen Spieler zu bleiben. Fünf bis sechs internationale Großkonzerne bleiben nach Ansicht der Bahn-Strategen in einigen Jahren noch übrig. Bisher stand das Auslandsgeschäft mit Nahverkehrszügen nur für zwei Prozent der Konzerneinnahmen – eine Busfirma in Dänemark und zwei Zugbetreiber in Großbritannien etwa gehören dazu. Nun steigt der Auslandsanteil auf einen Schlag auf 20 Prozent. Im Inland verliert die Bahn dagegen Marktanteile an private Konkurrenten, der Fernverkehr stagniert ohnehin. „Wer nicht schrumpfen und Arbeitsplätze im Heimatmarkt gefährden will, muss im Ausland wachsen“, ist daher sein Credo.

Dass die Arriva-Übernahme dennoch umstritten ist, weiß Grube. Auf die deutschen Kunden kämen keine Einschränkungen oder Abstriche zu, erklärte er beflissen mit Blick auf den jüngsten Ärger mit ICE-Klimaanlagen, Achsen oder die S-Bahn Berlin. „Es geht kein einziger Euro für Sicherheit, Service und die Wartung der Züge verloren“, beteuerte er. Schließlich verspricht er seinen Kunden stets, zuvorderst das „Brot- und Buttergeschäft“ hierzulande in Ordnung bringen zu wollen. In den vergangenen Jahren hatte die Bahn bereits mehrere Logistikfirmen übernommen, darunter Stinnes und Bax. 2,9 Milliarden Euro habe die Bahn für den Kauf in der Kasse, sagte Finanzchef Richard Lutz, zudem wolle man sich noch am Kapitalmarkt Geld besorgen.

Der Arriva-Kauf bringt auch den deutschen Verkehrsmarkt in Bewegung. Auf Druck der EU muss die Bahn das Deutschland-Geschäft der Briten verkaufen. Arriva ist auch in Ostdeutschland ein wichtiger Anbieter – die Tochterfirma Prignitzer Eisenbahn betreibt etwa Züge zwischen Berlin-Lichtenberg und Templin oder Frankfurt an der Oder. Auch der Vogtlandexpress gehört zum Unternehmen, ein Zwitter aus Nah- und Fernverkehrszug, der zwischen Plauen und Berlin verkehrt. 390 Millionen Euro erlöst Arriva mit Zugverkehr, 50 Millionen mit Bussen. Rund ein Dutzend Firmen interessieren sich, sowohl Finanzinvestoren als auch Konkurrenten. Bis Ende des Jahres wird das Unternehmen an den Meistbietenden verkauft. „Eine Perle“ seien die hiesigen Aktivitäten, warb Finanzchef Richard Lutz. „Da ist auch Schrott dabei“, hieß es hingegen in der Branche zu einigen Aktivitäten Arrivas hierzulande.

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