Arzneimittel-Atlas : Berliner sind besonders oft krank

Gesetzliche Krankenkassen in Deutschland geben 6,4 Prozent mehr für Arzneimittel aus. Besonders in der Hauptstadt greifen die Bürger zu Medikamenten. Die Ursache: In Berlin leben viele Arbeitslose, Dicke und HIV-Patienten.

Frederic Spohr

Berlin - Berliner schlucken deutlich mehr Medikamente als Bürger in fast allen anderen Bundesländern. Die gesetzlichen Krankenkassen gaben 2007 in der Hauptstadt pro Kopf 471 Euro für Pillen, Injektionen und Tropfen aus. Das sind 70 Euro mehr als im Bundesdurchschnitt. Berlin hat damit die zweithöchsten Pro-Kopf-Ausgaben in der Bundesrepublik. Nur in Mecklenburg-Vorpommern sind die Ausgaben noch höher. Das geht aus dem Arzneimittel-Atlas hervor, den das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) für den deutschen Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) erstellt hat. Er wurde am Freitag in Berlin vorgestellt.

Nach Erkenntnissen des Iges brauchen Arbeitslose und Fettleibige besonders viele Medikamente. „Wir wissen, dass Arbeitslosigkeit mit Dauerstress verbunden ist und damit die Gefahr von Herzkrankheiten deutlich erhöht“, sagte Iges-Chef Bertram Häussler. Mit jährlichen 176 Tagesdosen Blutdrucksenkern pro Kopf liegen die Berliner auch hier mit zwölf Tagesdosen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. In der Hauptstadt sind die Kosten auch wegen vieler HIV-Patienten sehr hoch.

Nicht nur in Berlin, auch im gesamten Osten Deutschlands müssen die Kassen für Medikamente deutlich mehr bezahlen als im Westen. Die Volkskrankheiten sind hier am weitesten verbreitet. Ostdeutsche schlucken daher mehr Anti-Diabetika und Blutfettsenker.

In ganz Deutschland gaben die gesetzlichen Krankenkassen 2007 insgesamt 28 Milliarden Euro für Medikamente aus – 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr. „Das sind die Kosten einer alternden Gesellschaft“, sagte Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA. Grund für die steigenden Ausgaben sei der höhere Konsum. 2007 verschrieben die Ärzte rund 5,8 Prozent mehr Tagesdosen als im Vorjahr. Die Preise für Medikamente sind laut dem VFA sogar trotz der Mehrwertsteuererhöhung um 205 Millionen Euro gesunken.

Die meisten Ausgaben entfallen auf Arzneien gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Iges-Wissenschaftler ermittelten mit 8,9 Prozent hier auch den größten Anstieg im Konsum. ,„Die Kosten für diese Krankheiten werden auch in den nächsten Jahren ansteigen“, sagte Iges-Chef Häussler. Die Ausgaben würden sich aber lohnen, meint er. Die Sterblichkeit bei Herz-Kreislauferkrankungen ist laut Iges in den letzten 40 Jahren um fast 60 Prozent gesunken.

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