Wirtschaft : Arzneiprüfer zweifeln an Vioxx-Rückkehr in Deutschland

Auch nach positivem Expertenvotum in den USA ist das Image der Marke belastet. Anwalt: bessere Chancen für Vergleich mit Klägern

Ingo Bach

Bonn - Eine Rückkehr des umstrittenen Rheumamedikaments Vioxx auf den deutschen Markt ist nach Ansicht deutscher Arzneiprüfer unwahrscheinlich. „Das Image dieses Markennamens ist durch die negativen Schlagzeilen noch immer sehr belastet“, sagte Ulrich Hagemann, oberster Arzneimittelkontrolleur der deutschen Überwachungsbehörde Bfarm in Bonn, dem Tagesspiegel.

Das US-Pharmaunternehmen Merck hatte Vioxx im vergangenen September vom Markt genommen, weil Studien ein erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko bei längerer Einnahme gezeigt hatten. Merck verlor damit einen Blockbuster. Bis zur Rücknahme setzte das Unternehmen allein 2004 damit weltweit rund 1,5 Milliarden US-Dollar um. In Deutschland sind zwischen 1999 und 2004 anderthalb Millionen Patienten mit der Arznei therapiert worden.

Wie berichtet, urteilte nun ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde (FDA), dass die Vorteile von Vioxx für Rheumakranke größer seien als das Risiko für Menschen mit Herzerkrankungen. Mit sehr knapper Mehrheit von 17 zu 15 empfahlen die Fachleute, das Medikament mit strikten Auflagen für den amerikanischen Markt zuzulassen. Eine endgültige Entscheidung der FDA erwarten Experten erst in einigen Wochen.

Noch Ende der vergangenen Woche hatte Merck die Äußerungen seines Forschungsleiters Peter Kim relativiert, dass man darüber nachdenke, Vioxx erneut auf den Markt zu bringen. Das Unternehmen habe seine Position zur freiwilligen Rücknahme von Vioxx nicht geändert, teilte der amerikanische Mutterkonzern am Freitag mit. „Alles Weitere ist Spekulation.“ Dies sei weiterhin der Informationsstand, sagte Michael Winnebeck, Sprecher der deutschen Merck-Tochter MSD, am Montag.

Sollte Vioxx tatsächlich auf den deutschen Markt zurückkehren, müsste MSD ein komplett neues Zulassungsverfahren beantragen, sagte Bfarm-Experte Hagemann. „MSD hat die Zulassung für Vioxx zurückgegeben.“ Ein solches Verfahren dürfte zumindest einige Monate in Anspruch nehmen, auch wenn man teilweise auf Erkenntnisse der ersten Zulassung von 1999 zurückgreifen könne. Bei einem neuen Antrag ginge es eher um Auflagen, zum Beispiel für Warnhinweise und verbotene Anwendungsgebiete.

Er habe den Eindruck, dass das US-Expertengremium viel genauer den Nutzen und den Schaden von Vioxx gegeneinander abgewogen habe als viele der einzelnen Experten, die sich in der Vergangenheit zu dem Thema geäußert hätten, sagte Hagemann. „Die Arznei hat wirksam Schmerzen gelindert und Entzündungen zurückgedrängt.“ Angesichts der vielen negativen Nachrichten über mögliche Schäden für das Herz-Kreislaufsystem und von angeblich tausenden Toten durch Vioxx habe niemand gefragt, wie viele Magen-Darmblutungen dadurch im Vergleich zu herkömmlichen Schmerzmedikamenten verhindert worden seien. Vioxx und die anderen Medikamente aus der Klasse der so genannten Coxibe gelten als magenschonender.

Das Urteil der FDA-Berater hat auch Auswirkungen auf die Schadenersatzklagen von vermeintlich Vioxx-Geschädigten gegen Merck. Zum einen stärkt das Votum die Position des Konzerns. Das sieht auch der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz so, der nach eigenen Angaben rund 1000 mögliche Vioxx-Opfer aus Deutschland vertritt. „Merck könnte sich zurücklehnen und auf die Empfehlung verweisen, um die Argumente der Kläger zu entkräften.“

Sollte aber Merck Vioxx tatsächlich auf den amerikanischen Markt zurückbringen wollen, stiegen die Chancen für einen außergerichtlichen Vergleich mit den Klägern erheblich, sagt Schulz. „Denn dann wird das Unternehmen zunächst Ruhe schaffen wollen, um die Arznei ungestörter von Negativschlagzeilen bewerben zu können.“

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