Arzt und Computerwissenschaftler Atul Butte : "Wir müssen nicht mehr in die Praxis"

Der Experte für Medizintechnik, Atul Butte, über die Chancen und Risiken von Fitnesstrackern.

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Atul Butte ist Arzt und Computerwissenschaftler an der Uni San Francisco. Er hat drei Unternehmen im Bereich Gesundheitstechnologie gegründet.
Atul Butte ist Arzt und Computerwissenschaftler an der Uni San Francisco. Er hat drei Unternehmen im Bereich...Foto: UCSF

Herr Butte, wenn ich zum Arzt gehe, fragt er mich als erstes, wie es mir geht oder wie er mir helfen kann. Wird diese Frage künftig überflüssig sein?

Vielleicht kommt es ja sogar noch extremer, und wir müssen gar nicht mehr zum Arzt gehen, wie es hier manche Leute im Silicon Valley glauben.

Warum das?

Tatsächlich werden viele gesundheitliche Probleme künftig vermutlich gelöst oder behandelt werden können, ohne dass man persönlich beim Arzt erscheinen muss. Dank der neuen digitalen Möglichkeiten wie Online-Sprechstunden oder mobilen Geräten wie Wearables und Gesundheitstrackern wird die Zahl der Arztbesuche sicher sinken. Wenn man dann aber doch zum Arzt geht, wird er sicher als Erstes weiterhin freundlich fragen, wie er helfen kann.

Aber vielleicht nur noch aus reiner Höflichkeit? Weil der Arzt mithilfe der digital übermittelten Daten bereits genau weiß, was dem Patienten fehlt?

Sicher ist das Gesundheitssystem bereits heute sehr viel mehr vernetzt, durch die mobilen Geräte und Tracker haben die Ärzte viel mehr Informationen über ihre Patienten zur Verfügung - aber trotzdem wissen sie vielleicht nicht ganz genau, weshalb der Patient tatsächlich kommt, was seine Sorgen sind. Das schreibt man ja auch eher nicht bei Facebook oder Twitter. Selbst alle Daten der Welt können am Ende nicht zeigen, was einen Patienten am meisten belastet. Deshalb ist der persönliche Austausch zwischen Arzt und Patient am Ende sicher nicht komplett zu ersetzen.

Ärzte werden also mehr Daten zur Verfügung haben - aber nicht unbedingt mehr Zeit. Nach welchen Kriterien und mit welchen Instrumenten werden sie die künftig also filtern, welche Informationen relevant sind?

Heute bräuchten Ärzte ziemlich viel Zeit, um sich durch die ganzen Datenberge zu arbeiten, die ihnen mithilfe der Wearables und Gesundheitstracker zur Verfügung gestellt werden könnten. Künftig wird das sehr viel effizienter ablaufen, weil computergestützte Instrumente vermehr eingesetzt werden.  

Und zwar wie?

Software wird in den Untersuchungszimmern deutlich präsenter werden – und zwar nicht nur, um die Untersuchungsergebnisse zu dokumentieren oder Medikamente zu bestellen. Sondern um die Daten auszuwerten, und zwar schon vor der Untersuchung. Die Software wird dem Arzt einen Einblick geben, was dem Patienten fehlen könnte. Wenn der Patient Magenprobleme hat, beispielsweise anzeigen, dass er in einem Restaurant gegessen hat, in dem das Essen womöglich verdorben war.

Dafür müssen sich die Ärzte künftig aber deutlich besser mit Informatik und Datenanalyse auskennen. Sie selbst sind mit Ihren beiden Doktortiteln sowohl in Computerwissenschaften als auch in Medizin noch eine Ausnahme.

Grundsätzlich brauchen wir mehr Wissenschaftler, Ärzte und Ingenieure. Leider gibt es bisher nur wenige Überschneidungen zwischen Ärzten und Wissenschaftlern, zwischen solchen mit Kenntnissen in Computerwissenschaften noch weniger – davon brauchen wir aber dringend mehr, um Innovationen im medizinischen Bereich voranzutreiben.

Wie können Ärzte dafür begeistert werden?

Beispielsweise mehr Absolventenprogramme einführen, die das zum Thema machen. In denen es darum geht, nicht nur an Zellen und Mäusen zu forschen, sondern auch Software mehr zu nutzen. Allerdings sind die Lehrpläne für Medizinstudenten und die Graduiertenprogramme sehr reguliert und sehr voll. Was aber sicher helfen wird, ist, dass die angehenden Mediziner heute Digital Natives sind und damit sehr viel vertrauter im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten.

Dass Ärzte Daten künftig auswerten können, ist die eine Herausforderung. Die andere große Frage ist doch aber, wie viele Daten Patienten ihren Ärzten und Versicherungen überhaupt zur Verfügung stellen sollen?

Da sollte man unbedingt unterscheiden.

Und zwar wie?

Viele Patienten dürften zum Arzt gehen, weil sie Hilfe brauchen und Gesund werden möchten. Es ist also in ihrem Interesse, dem Arzt so viele Informationen und Daten zur Verfügung zu stellen, wie möglich. Schließlich wissen sie selbst nicht, welche Informationen wichtig sein könnten und welche nicht. Deshalb plädiere ich hier für das Maximum an Daten.

Und all diese Daten sollten auch die Versicherungen bekommen?

Da würde ich eher empfehlen, nur ein Minimum an Daten zur Verfügung zu stellen.

Weil sie die Informationen nutzen könnten, um Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen zu diskriminieren?

Ich würde nicht diskriminieren sagen, sondern sie könnten beispielsweise einen Rabatt für diejenigen geben, die ihnen mehr Daten zur Verfügung stellen.

Das wäre dann doch aber positive Diskriminierung.

Solche Methoden gibt es bereits bei Autoversicherern. Wer sich damit einverstanden erklärt, eine kleine Box in seinem Auto zu installieren, die beispielsweise GPS-Daten und die Geschwindigkeit aufzeichnet und wer diese Informationen dann automatisch an den Versicherer übermitteln lässt und damit beweist, dass er nicht wie ein Verrückter fährt, der bekommt einen Rabatt.

Auf Krankenversicherungen übertragen würde das Modell dann was bedeuten?

Wer beispielsweise ein Wearable trägt und die Daten der Versicherung zur Verfügung stellt und damit beweist, dass er auf seine Gesundheit achtet, der bekommt dann einen günstigeren Tarif oder einen Rabatt. Solche Angebote gibt es bereits.

Das würde bedeuten, dass wir zum gläsernen Patienten werden. Und das finden Sie gut?

Als Kunde, ja.  Und auch für das Gesundheitssystem insgesamt ist es positiv, wenn sich alle Menschen bemühen gesünder zu leben. Aber ich bin sicher, dass manche Menschen eine solche Entwicklung nicht begrüßen.

Was aber ist beispielsweise mit chronisch kranken Menschen, die in einem solchen Belohnungssystem gar nicht partizipieren können?

Warum nicht? Aber chronisch kranke Menschen haben sicher die Möglichkeit, ein bisschen mehr für ihre Gesundheit zu tun. Beispielsweise Diabetiker, die durch ein solches System dazu motiviert werden, sich mehr zu bewegen oder gesünder zu essen. Apotheken sind ein dritter Player, schon heute gibt es in den USA Apotheken, die ihren Kunden anbieten, mit ihren Wearables einzuchecken und Bonuspunkte zu sammeln im Austausch gegen Daten.

Ich sehe, dass Sie selbst eine Smartwatch tragen. Nehmen Sie an solchen Programmen bereits teil?

Ich habe zwei sogar zwei Wearables, eine Smartwatch und einen Fitnesstracker und ich bin großer Fan. Ich habe es geschafft, damit 25 Kilogramm abzunehmen. Mein Gewicht wurde immer mehr und ich dachte, dass ich das unbedingt ändern muss. Also habe ich angefangen, mich nicht nur jeden Morgen zu wiegen und eine Gewichtskurve zu erstellen, sondern auch meine schritte zu zählen. Jeder auf Facebook weiß, dass ich so viel abgenommen haben. Aber mein Arzt war der letzte, der davon erfahren hat. Weil das milliardenschwere Gesundheitssystem eben nicht mit meinem Gesundheitstracker verbunden ist. Das ist ein großes Problem.

Und das muss sich ändern?

Unbedingt, wenn wir die Versorgung von Patienten verbessern wollen.

Kürzlich hat eine US-Firma ihre Mitarbeiter kostenlos mit einem Fitnesstracker ausgestattet. Wer damit beweisen kann, dass er nachts regelmäßig mehr als sieben Stunden schläft, bekommt eine Belohnung. Macht Ihnen eine solche Gesundheitsüberwachung durch den Arbeitgeber Sorgen?

Das ist ein interessantes Experiment, von dem es künftig sicher einige mehr geben wird. Manche Menschen werden das vielleicht übergriffig finden, aber in den USA ist es schon jetzt üblich, dass Arbeitgeber vor der Einstellung einen Gesundheitscheck machen lassen. Das ist auch an der Universität von Standford so, wo ich zehn Jahre lang gearbeitet habe, und auch jetzt hier an der Universität von San Francisco.

Was wurde bei Ihnen gecheckt?

Beispielsweise beim Gewicht, mein Blutdruck, meine Blutwerte, dafür wurde ich im Gegenzug bei der Gehaltsabrechnung belohnt. Andere Arbeitgeber kontrollieren über Bluttests beispielsweise auch, ob der Angestellte zu Hause raucht. Ich sehe definitiv mehr Arbeitgeber, die nach immer gesünderen Arbeitnehmern suchen, weil sie eben weniger krankheitsbedingt fehlen und produktiver sind. Aber ich sehe auch die andere Seite. Viele Arbeitnehmern wird diese neue Welt sicher nicht gefallen mit Blick auf die Privatsphäre.

Was aber passiert mit den Menschen, die an dieser neuen Welt nicht teilnehmen wollen?

In den USA gibt es Gesetze, dass Menschen mit Behinderungen nicht diskriminiert werden dürfen. Aber generell wird es eine starke Entwicklung in die Richtung geben, dass Arbeitnehmer mehr Verantwortung dafür übernehmen müssen, gesund zu bleiben und dies zu beweisen. Auch mithilfe von Wearables. Ob uns das nun gefällt oder nicht.

Atul Butte ist Arzt und Computerwissenschaftler an der Uni San Francisco. Er hat drei Unternehmen im Bereich Gesundheitstechnologie gegründet.

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