Wirtschaft : Asien: Die Optimisten wagen sich aus der Deckung

Oliver Müller

Japan, Hongkong, Singapur, Taiwan, Thailand - sprunghaft wächst die Reihe der asiatischen Länder, die auf eine Rezession zudriften oder bereits darin stecken. Wegbrechende Exporte und sinkende Gewinne ziehen die asiatischen Börsen immer tiefer abwärts. Anleger brauchen gute Nerven: Fängt sich die Weltwirtschaft nicht bald, drohen weitere Verluste. Fasst die Konjunktur wieder Tritt, winken in Fernost überproportionale Gewinne.

Das exportabhängige Asien ist traditionell eine Art Optionsschein auf die Wall Street: Die Märkte schlagen auf Vorgaben aus den USA heftiger aus - nach oben und nach unten. Derzeit sind die wichtigsten Börsenbarometer im Keller: Tokios Nikkei-Index ist auf ein 17-Jahres-Tief gekracht; Hongkongs Hang-Seng ist klar unter die kritische 11 000-er Schwelle gesackt. So tief stand der Index zuletzt im April 1999. Anleger stehen vor einer schweren Wahl: Entweder sie warten auf eindeutige Zeichen der Besserung wie steigende Auftragseingänge. Dann riskieren sie, die steile erste Phase eines Aufschwungs zu verpassen. Oder sie beziehen im Vorgriff auf bessere Nachrichten jetzt Position. Dann könnten weiter schmerzhafte Verluste drohen.

Es ist Zeit zum Schnäppchenjagen

Die ersten Optimisten wagen sich aus der Deckung: "Asiens Märkte sind ausgebombt, es ist Zeit zum Schnäppchenjagen", glaubt Mark Mobius, der für Tempeltons Emerging Markets Fonds verantwortlich zeichnet. Er erwartet von Indonesien, Thailand und Hongkong - in diesem Jahr der verlustreichste Markt der Region - das größte Kurspotential. Schwergewichte in seinem Portfolio: die Hongkonger Mischkonzerne Hutchison Whampoa und Cheung Kong. Pieter von Putten ist vorsichtiger: "Die Fondsmanger stehen in den Startblöcken; bevor sie losrennen, warten sie auf ein Signal aus den USA", beschreibt der Chef des Commerzbank Asset-Managements in Singapur die Situation. Er rät Investoren mit längerfristigem Anlagehorizont dazu, langsam Positionen zu beziehen. Allerdings blieben die kommenden zwei, drei Monate hart. "Wenn sich im laufenden Quartal die Situation in den USA nicht verschlechtert, kann man von Bodenbildung sprechen", glaubt von Putten. Für diesen Fall rechnet er gegen Jahresende mit einer Erholung der Märkte, angeführt von Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong. Um auf Wachstumsaktien zu setzen, sei es aber zu früh. Von Putten bevorzugt klassische Blue-Chips mit niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs).

"Wenn der Aufschwung kommt, wird er sehr, sehr dynamisch", prophezeit Ray Jovanovich, der den Asian Renaissance Fonds der Crédit Agricole-Tochter Indocam verwaltet. Wann er kommt, hänge ganz von den USA ab. Trotz immenser Liquidität fehlt Jovanovich noch der Zündfunke für eine Hausse: "Das Vertrauen der Anleger ist einfach am Boden." Seine Positionen baut der Fondsmanager deshalb nur behutsam aus. Für den Rest des Jahres setzt er auf Südkorea, alle anderen Märkte gewichtet er unter oder neutral. Bei Japan rät er vor einem Einstieg zum Abwarten, bis die Regierung vollmundigen Reformversprechungen Taten folgen lässt. Zum ersten Mal seit der Asienkrise hat der Indocam-Manager allerdings wieder thailändische Aktien in sein Portfolio genommen. Mit einem Plus von 25 Prozent seit Januar sticht dieser Markt in der Region besonders hervor. Technologiewerte sieht Jovanovich skeptisch. Bis er klare Zeichen für einen Umschwung in den USA sieht, hält er an den dividendenstarken, defensiven Bank- und Versorgerwerten fest, die seinen Fonds dieses Jahr vor großen Verlusten bewahrt haben.

Zu den Anhängern einer Dividendenstrategie gehört auch Markus Rösgen - obwohl er glaubt, die Region habe die letzte Phase eines Bärenmarkts erreicht. "Die Aktienkurse in Asien liegen zu tief", meint der Asienstratege bei ING Barings, sie hätten eine US-Rezession voll eingepreist. Rösgen glaubt nicht, dass es so schlimm kommt und folgert: "Es wird Zeit, über Zukäufe nachzudenken." Dabei sollten Anleger seiner Ansicht nach auch auf Dividenden schauen. Die liegen bei fast der Hälfte aller asiatischen Aktiengesellschaften über den örtlichen Sparzinsen. Kaufempfehlungen hat ING zum Beispiel auf Aktien wie Hongkongs Hang Seng Bank (5,6 Prozent Dividende), der koreanischen Shinhan Bank (5,9 Prozent), dem Ölkonzern Petrochina (8,7 Prozent), dem Versorger Huaneng Power (fünf Prozent) oder der Fluglinie Cathay Pacific (sechs Prozent).

Aber auch an warnenden Stimmen herrscht kein Mangel. Die andauernde weltweite Konjunkturabschwächung mache das exportabhängige Asien besonders verletzlich, meint Hang Ong, Regionalstratege bei Salomon Smith Barney. Er sieht das Risiko, dass Konzerne ihre Gewinne für 2002 nach unten revidieren und die Technologie-Malaise auf die "alte Ökonomie" übergreift. Als Triebfeder der kurzlebigen Zwischenrallyes vergangener Monate identifiziert er die Angst, einen Aufschwung zu verpassen.

Fonds kaufen dividendenstarke Titel

Ong rät, sich vom Herdentrieb nicht kirre machen zu lassen. "Die wichtigste Botschaft lautet: "Wir haben Zeit", schreibt er in seinem jüngsten Strategiepapier; es erfordere jetzt Mut, defensiv zu bleiben. Ong favorisiert Aktien mit starken Dividenden und hoher Gewinnstabilität. In seinem Modell-Portfolio hat er Technologieaktien gerade noch weiter zurückgestutz und den Chipwert UMC und den Mobilfunker China Mobile reduziert. Gleiches gilt für die Konsum-Zykliker, die dieses Jahr gut gelaufen sind. In diesen rauhen Zeiten mag Ong Titel wie Bank of East Asia und den in Singapur notierten Immobilienwert Hongkong Land. Auch Hongkongs durch Kartellgewinne abgesicherte Versorger haben es ihm angetan. "Langweilig - aber Hauptsache sicher", sagt er zu China Light & Power, Hongkong Electric und China Light & Gas. Außerdem empfiehlt Ong die indischen Konsumwerte Nestlé India, Hindustan Lever, Smithkline Beecham und ITC. In Thailand rät er zu Siam Cement und Thai Union Frozen Products.

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