Wirtschaft : Atempause für die Zulieferindustrie

ROLF OBERTREIS

Branche hat sich gut erholt / Doch die Aufkäufer sind am WerkVON ROLF OBERTREIS

Spätestens seit VW-Einkaufschef Ignacio López seinen Stuhl hat räumen müssen, hat sich die Lage entspannt.Der rüde Umgangston zwischen Autoherstellern und Zulieferern ist normalen Umgangsformen gewichen.Die Streitigkeiten haben abgenommen.Mehr noch: Die deutschen Zulieferer haben sich radikal umgestellt, ihre Strukturen bereinigt und technologisch einen Zahn zugelegt."Die Branche hat die Krise als Chance begriffen und genutzt.Das Pendel ist umgeschlagen", sagt Rainer Thieme, Vizepräsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) und im Hauptberuf Chef des renommierten Auto-Zulieferers Karmann. Die Branche, sagt Thieme aber auch, hätten "schwer Federn lassen müssen".Die Veränderungen seien leise vonstatten gegangen, viele Firmen seien lautlos gestorben."Aber dafür ist die Branche heute fitter.Der technologische Fortschritt ist vorzeigbar", sagt Thieme.1995 erzielte sie weltweit mit 250 000 Mitarbeitern einen Umsatz von gut 60 Mrd.DM.Man habe versucht neue Wege zu gehen, Kooperation sei keine Worthülse geblieben.Als Schlüssel des Erfolgs wertet er vor allem das Know-how der Unternehmen. Der Erfolg hat freilich auch Konkurrenten und Investoren aus dem Ausland auf den Plan gerufen.Immer mehr deutsche Zulieferer werden wegen ihres hervorragenden Know-hows übernommen - zuletzt etwa die Sitzsparte von Keiper Recaro für rund 400 Mill.DM."Das ist ein Warnschuß", sagt Thieme.Dabei tun sich vor allem große US-Zulieferer hervor, die bereits in Nordamerika 80 Prozent des Marktes kontrollieren, aber laut Thieme auch US-Investmentbanker, die für US-Pensionsfonds interessante Anlageobjekte suchen - mit Beträgen in Milliardenhöhe.Damit deutet sich hierzulande eine Konzentrationswelle unter den Auto-Zulieferern an, die VW, Mercedes oder BMW auf Dauer nicht gleichgültig sein kann.Branchenkenner rechnen damit, daß es weltweit im Jahre 2010 nicht mehr als 20 "Megalieferanten" geben wird. Deutsche Zulieferer sind auch für Übernahmen anfällig, weil die Eigenkapitaldecke oft schwach ist und weil es viele Familienbetriebe gibt, denen der Nachfolger fehlt.Dabei zählt gerade die mittelständische Struktur und die damit verbundene hohe Flexibilität nach Angaben des VDA auch zu den Vorzügen der deutschen Zulieferer. Für den Standort Deutschland findet Thieme erstaunlich lobende Worte.Die Mitarbeiter seien einsatzfreudig, das Bildungsniveau hervorragend, die Qualität der Arbeit bestens.Über zu hohe Kosten in Deutschland verliert er diesmal kein Wort.Mit Blick etwa auf Engagements der Zulieferer in Osteuropa gebe es zwar kurzfristig Kosteneinsparungen, "aber auf Dauer ist auch das nicht billig.Manche Standortentscheidung sieht am Ende anders aus".Allerdings rechnet sich nach Angaben von Thieme das Engagement etwa im Umfeld der neuen US-Fabriken von Mercedes und BMW.Dies erleichtere den Zugang zum übrigen US-Markt.Insgesamt sind die deutschen Zulieferer in 67 Ländern mit rund 950 Engagements aktiv. Dennoch sieht der VDA-Vizepräsident die Zulieferer noch nicht über dem Berg.Der Druck sei nicht geringer als vor drei Jahren, viele Firmen hätten nach wie vor Ertragsprobleme, der Bewegungsspielraum sei ausgeschöpft.Weitere Preiszugeständnisse an die Hersteller könne man nicht machen.Thieme warnt vor der nächsten Krise: "Wenn die Stückzahlen in der Produktion mal einbrechen, dann sind manche Rechnungen nicht mehr zu halten."

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