Atom-Debatte : RWE plant Atomstromtarife für Wirtschaft und Verbraucher

RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann hat ein Ziel: den bereits beschlossenen Atomaustieg doch noch zu verhindern, zumindest aber ihn aufzuhalten. In seinem neuesten Vorstoß kündigt er an, den RWE-Kunden künfitg verstärkt Atomstrom anzubieten - zu einem günstigen "Pro-Klima-Tarif".

Ewald Schulte

Berlin - So deutlich wie RWE-Chef Jürgen Großmann war die Branche bislang nicht. Vehement forderte der Manager am Donnerstag anlässlich der Vorstellung der Halbjahresbilanz seines Konzerns von der Politik eine Abkehr vom derzeit geltenden Atomausstieg. Die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke, die nach dem Atomgesetz aktuell auf circa 32 Jahre festgeschrieben sind, sollten um mindestens 20 Jahre verlängert werden. Großmann: „In anderen Ländern sehen wir Laufzeiten von 60 Jahren, bei uns soll bei der Hälfte Schluss sein.“

Großmann begründete seinen Vorstoß sowohl mit den Erfordernissen der Klimapolitik als auch mit den hohen und aus seiner Sicht weiter steigenden Energiepreisen.Ein Festhalten am Kernenergieausstieg gefährde zudem die Versorgungssicherheit, erhöhe die Abhängigkeit von Importenergien und beeinträchtige damit letztlich auch die Wettbewerbsfähigkeit der Stromversorgung in Deutschland. Die aus einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke resultierenden Kostenvorteile könnten zur Entlastung der Kunden, zur stärkeren Förderung des sparsameren Umgangs mit Energie sowie den Ausbau der erneuerbaren Energien genutzt werden. RWE sei bereit, dazu konkrete Gespräche mit der Politik aufzunehmen.

Unabhängig von der Diskussion um längere Laufzeiten der Kernkraftwerke will Großmann den RWE-Kunden eine verstärkte Nutzung von Atomstrom anbieten. Gedacht sei an einen sogenannten „Pro Klima-Tarif“, bei dem den privaten Haushalten ein Strommix aus Atomstrom und Strom aus erneuerbaren Energie angeboten werden soll, wobei der Anteil des Atomstroms bei deutlich über 50 Prozent liegen werde. Dieser Tarif, der sich am aktuellen Strompreisniveau orientieren werde, werde ab Dezember für drei Jahre als Fix-Angebot vorgelegt, so dass Preiserhöhungen vorerst ausgeschlossen seien. Der gewerblichen Wirtschaft will Großmann zudem eine reines „Nuklearstrom-Angebot“ offerieren. Zu den Konditionen dieses Angebots äußerte sich RWE am Donnerstag nicht.

RWE ist einer der größten Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland. Allerdings ist die Laufzeit der beiden RWE-Reaktorblöcke im hessischen Biblis bereits so weit ausgeschöpft, dass nach der geltenden Gesetzeslage der Block A schon kurz nach der Bundestagswahl und Block B nur anderthalb Jahre später endgültig vom Netz genommen werden müssen.

In der Branche ist Großmann mit seinem Atomstromtarif-Vorstoß bislang weitgehend isoliert. So bekräftigte Eon-Chef Wulf Bernotat erneut, dass sein Konzern kein solches Angebot machen werde.

Unterstützung forderte Großmann auch für die Braunkohle- und Kohlekraftwerke des RWE-Konzerns. Auch bei der dritten Handelsperiode müssten diese Kraftwerke mit einem „angemessenen Anteil“ kostenloser Emissionszertifikate ausgestattet werden. Setze sich die EU-Kommission dagegen mit der Forderung durch, solche Emissionsrechte komplett zu versteigern, kämen auf die deutsche Energiewirtschaft Mehrkosten in Milliardenhöhe zu. Den Vorteil hätten Unternehmen, die wie der französische Staatskonzern EdF ihren Strom komplett in Kernkraftwerken erzeugen und somit keine Emissionszertifikate bräuchten. Großmann: „Dann verdient EdF so viel, dass sie nach fünf Auktionsjahren praktisch jedes andere Energieunternehmen kaufen könnte.“ Ewald Schulte

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