Atomausstieg privat : Wie die Energiewende zu Hause gelingt

Elektrogeräte, Ökostrom, Solarzellen oder Minikraftwerke im Keller – es gibt viele Möglichkeiten, unabhängiger vom Atomstrom zu werden.

Simon Poelchau
Auf Kerzenlicht muss niemand zurückgreifen, wenn er auf Atomkraft verzichtet.
Auf Kerzenlicht muss niemand zurückgreifen, wenn er auf Atomkraft verzichtet.Foto: dpa

„Sie können pro Jahr 100 Euro an Stromkosten sparen“, sagt Erhard Bülow. Der Energieberater der Verbraucherzentrale Berlin hat eben die 46 Quadratmeter große Wohnung untersucht und ist auf etliche Stromfresser gestoßen. Bei einer Rechnung von 270 Euro lasse sich ein Drittel einsparen, schätzt Bülow.

Dabei sind beim häuslichen Energiecheck gar nicht der große Kühlschrank oder die alte Waschmaschine besonders negativ aufgefallen. Es war die Trägheit des Bewohners: Die Stereoanlage und der Fernseher, die im Stand-by- Betrieb liefen, verbrauchten ungenutzt jeweils 15 Watt, die Fernseherantenne acht Watt. „Jedes Watt an Strom, das unnütz verbraucht wird, kostet aufs Jahr hoch gerechnet 1,75 Euro“, rechnet Bülow vor.

Wer Strom spart, spart nicht nur Geld – er macht sich auch unabhängiger von der Kernenergie, die etwa 23 Prozent des Stroms in Deutschland liefert. Nach der Nuklearkatastrophe in Japan haben viele Verbraucher ein ungutes Gefühl. Sie wollen lieber früher als später auf Atomkraft verzichten. Eine Emnid-Umfrage ergab zudem, dass 69 Prozent der Deutschen bereit sind, für atomfreien Strom mehr Geld zu bezahlen. Ökostromanbieter registrieren seit den Ereignissen in Japan eine deutlich gestiegene Nachfrage. Doch auf politische Entscheidungen müssen die Verbraucher nicht warten. Der Atomausstieg lässt sich – zumindest teilweise – schon zu Hause praktizieren.

Würden zum Beispiel alle elektrischen Geräte in Deutschland richtig ausgeschaltet, würde dies so viel Strom sparen, wie zwei Kernkraftwerke produzieren – nach Berechnungen des Bundesumweltministeriums rund 22 Milliarden Kilowattstunden. Das ist mehr, als Berlin und Hamburg zusammen verbrauchen und kostet Unternehmen und Privathaushalte jährlich rund vier Milliarden Euro.

Beratung, wie man Strom sparen kann, findet man im Internet etwa bei der Verbraucherzentrale (www.verbraucherzentrale-energieberatung.de) oder der Deutschen Energieagentur Dena (www.stromeffizienz.de). Beim Wechsel des Stromanbieters helfen Vergleichsportale wie Check 24, Verivox oder Toptarif. Der Caritasverband bietet Energiesparberatungen für sozial schwache Haushalte an. Für 45 Euro kommt der Energieberater der Verbraucherzentrale ins Haus.

Nachtspeicherheizungen sind noch ein Relikt aus alten Zeiten, als man nachts den überschüssigen Strom der Kohlekraftwerke nutzen wollte“, erklärt Erhard Bülow. Stromheizungen sind aber extrem ineffizient. Steigt ein Haushalt bei der Warmwassererzeugung von Strom auf Gas um, kann er allein beim Duschen 200 Euro sparen. Auch beim Kochen empfiehlt es sich, auf den Elektroherd zu verzichten und Gas zu benutzen: Einen Liter Wasser auf dem Gasherd zum Kochen zu bringen, kostet 1,48 Cent, im Wasserkocher 1,89 Cent und auf der elektrischen Herdplatte sogar 3,06 Cent.

Nicht immer sind aber elektrische Geräte Stromfresser. Eine volle Spülmaschine verbraucht weniger Wasser, das erhitzt werden muss, als das Spülen mit der Hand. Bei neueren Maschinen und Waschmaschinen gibt es zudem die Möglichkeit, sie an die Warmwasserleitung anzuschließen. Egal ob Spülmaschine oder Kühlschrank – ein Vergleich des Stromverbrauchs lohnt sich. Laut Dena, kann ein Vierpersonenhaushalt allein bei diesen drei Geräten mit besonders effizienten Modellen mehr als zehn Prozent der Stromkosten einsparen. Seit Dezember 2010 gelten für Haushaltsgeräte europaweit die Energieeffizienzklassen „A+++“ bis „G“. „A+++“ ist besonders umweltfreundlich. Bei Kühlschränken relevant sind „A+“ bis „A+++“. Ein neuer Kühlschrank der Klasse „A++“ verbraucht im Vergleich zu einem fünf Jahre alten Kühlschrank weniger als die Hälfte an Strom.

Das größte Einsparpotenzial gibt es aber bei der Beleuchtung: Eine Energiesparlampe mit 15 Watt ersetzt eine herkömmliche 60-Watt-Glühbirne. Deswegen sollen die alten Glühbirnen auch laut EU-Verordnung schrittweise verschwinden. Ab September 2011 gibt es nur noch Glühbirnen mit höchstens 40 Watt.

Stereoanlage, Kühlschrank oder Glühbirne: „Ein durchschnittlicher Vierpersonenhaushalt zahlt pro Jahr rund 1000 Euro Stromkosten. Rund ein Viertel davon lässt sich durch energieeffiziente Geräte und clevere Nutzung einsparen“, sagt Annegret Agricola von der Dena.

Nicht nur den Stromverbrauch haben Haushalte in der Hand, auch die Stromerzeugung lässt sich in Eigenregie organisieren. Auch wenn der Anteil des Solarstroms am deutschen Strommix aktuell erst zwei Prozent beträgt, ist Sonnenstrom gefragt. Von den rund 17 000 Megawatt Kapazität deutscher Photovoltaik- anlagen wurden mehr als 7000 Megawatt erst im vergangenen Jahr in Betrieb genommen. Mit mehr als 700 000 Photovoltaikanlagen auf Dächern wird der meiste Solarstrom von Privatpersonen produziert. Rein rechnerisch brauchen diese Haushalte keinen Strom von externen Anbietern mehr. „Mit einer Solaranlage auf dem Dach eines Einfamilienhauses, kann der Jahresbedarf eines Haushaltes gedeckt werden“, erklärt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft. Prognosen, wie viele Solaranlagen 2011 hinzukommen werden, will der Verband nicht abgeben. Die KfW-Bank fördert den Einbau von Photovoltaikanlagen mit Krediten.

Neben Solarzellen auf dem Dach gibt es alternativ auch die Möglichkeit, die alte Heizung im Keller durch eine stromerzeugende Anlage zu ersetzen. Angeboten werden die sogenannten Mini-Blockheizkraftwerke von Energieversorgern wie Lichtblick (in Kooperation VW), der Berliner Gasag oder Enversum. Die Anlagen werden meist mit Gas betrieben, überschüssiger Strom kann ins öffentliche Netz eingespeist und verkauft werden. Bei der Gasag kostet die Installation der Anlage einmalig rund 20 000 Euro, sie hat bei der Stromerzeugung eine Leistung von einem Kilowatt und soll sich nach acht Jahren amortisiert haben.

500 Minikraftwerke wurden nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch (ASUE) installiert – noch ein Nischenprodukt auf dem deutschen Energiemarkt. Doch in den kommenden Jahren müssen laut ASUE fast fünf der 17,8 Millionen Heizungen im Einfamilienhausbereich ersetzt werden. Genug Gelegenheiten für viele private Atomausstiege.

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