Atomenergie : Vattenfall wird zum Prügelknaben

Schwere Zeiten für den Energiekonzern Vattenfall: Die FDP fordert nach den Störfällen eine Stilllegung des Atomkraftwerks Krümmel, und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Carstensen wirft dem Betreiber Vattenfall "Bulldozer-Sensibilität" vor.

Martin Roy[ddp]

BerlinDer Atomkraftwerksbetreiber Vattenfall gerät nach den Pannen in den Meilern Krümmel und Brunsbüttel unter heftigen Beschuss aus Politik und Wirtschaft. Die Liste der Kritiker ist lang: Bremens Umweltsenator Reinhard Loske (Grüne) sagte, der Entzug der Lizenz sei eine realistische Option. Auch Grünen-Bundestagsfraktionschef Fritz Kuhn stellte die Qualifikation des Energiekonzerns in Frage. Die FDP forderte eine Stilllegung des Atomkraftwerks Krümmel. Nach einem Zeitungsbericht ist auch der Miteigentümer der beiden Atomkraftwerke, Eon, verärgert über Vattenfall.

Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen warf Vattenfall schweres Fehlverhalten im Umgang mit den Zwischenfällen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel vor. "Die Firma hat hier die Sensibilität eines Bulldozers an den Tag gelegt", erklärte der CDU-Politiker. An seiner grundsätzlichen Einstellung zur Kernenergie hätten die Vorfälle nichts geändert. "Aber falsche Dübel im einem Atomkraftwerk haben eben eine andere Dimension als beim Renovieren des Wohnzimmers, und da können diejenigen, die dafür die Verantwortung tragen und mit denen wir als Politiker zusammenarbeiten, uns nicht das Leben durch eine hanebüchene Informationspolitik schwer machen."

In Krümmel war es nach einem Transformatorbrand zu einer Schnellabschaltung gekommen. Der Betreiber Vattenfall geriet in die Kritik, weil er nicht gleich alle daraus resultierenden Probleme öffentlich machte. In Brunsbüttel war unter anderem eine Messleitung zur Überwachung des Reaktorfüllstandes gestört.

Bremens Umweltsenator: Vattenfall hat mehrfach versagt

Bremens Umweltsenator Loske warf Vattenfall eine katastrophale Informationspolitik vor. Zunächst würde er das Gleiche tun wie die zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). "Ich würde die Betreiber einbestellen und sie damit konfrontieren, dass sie die entscheidenden Kriterien für den Betrieb eines Kernkraftwerks, Zuverlässigkeit und Sachverstand, nicht hinreichend unter Beweis gestellt haben", sagte der Senator. Zuverlässigkeit schließe die zügige Weitergabe von Informationen ein. "Und da hat Vattenfall in der Vergangenheit mehrfach versagt".

Grünen-Bundestagsfraktionschef Kuhn meinte: "Wer so systematisch Pannenreaktoren fährt und sich so destruktiv bei der Aufklärung verhält, der muss sich schon fragen lassen, ob er geeignet ist, Atomkraftwerke zu betreiben." Zugleich rief er Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf, endlich Konsequenzen zu ziehen. "Er ist gut im Ankündigen. Jetzt muss er aber auch handeln: Der Reaktor muss vom Netz, die Pannenserie muss gründlich aufgeklärt werden".

FDP-Generalsekretär: Blamables Krisenmanagement bei Vattenfall

Dirk Niebel, der Generalsekretär der FDP, forderte sogar die endgültige Stilllegung von Krümmel: "Wir haben immer gesagt: Unsichere Kraftwerke gehören abgeschaltet." Nur mit dieser Klarheit könne gewährleistet werden, dass sichere Kernkraftwerke Bestandteil eines vernünftigen Energiemixes der Zukunft werden. "Das blamable Krisenmanagement des Vattenfall-Konzerns macht mich sprachlos", sagte er. "Selbstverständlich müssen festgestellte Fehler bei politisch Verantwortlichen wie bei Betreibern Konsequenzen haben." Trauernicht handle wenig vertrauensbildend, wenn sie einerseits dem Kraftwerksbetreiber mangelnde Zuverlässigkeit vorwerfe, ihm aber die Betriebserlaubnis belasse.

Der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), griff Vattenfallchef Klaus Rauscher an. Dessen Verweigerung von Transparenz sei mehr als verwunderlich, weil Vattenfall vom Vertrauen der Kunden lebe. Die Vorgänge zeigten zudem, dass sich die Energiekonzerne als Staat im Staate fühlten. "Die sind der Meinung, dass sie nur pfeifen müssen und dann springen alle", so Müller.

Auch Eon erbost

Die "Berliner Zeitung" berichtete unter Berufung auf Unternehmenskreise, Eon fühle sich von Vattenfall ebenso schlecht informiert wie Behörden und Öffentlichkeit. Angesichts der aktuellen Debatte gebe man der beantragten Laufzeitverlängerung für die Meiler Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 nun so gut wie keine Chance mehr. Die Eon AG ist dem Blatt zufolge über ihre Energietochter am Kernkraftwerk Krümmel zu 50 Prozent und am Meiler Brunsbüttel zu 33,3 Prozent beteiligt. Die verbleibenden Anteile liegen beim Betreiber Vattenfall. (mit dpa)

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