Atomkompromiss : Gegenwind für Ökostrom

Ökostrom-Firmen befürchten, dass der Atomkompromiss der Bundesregierung ihre Wachstumsbranche ausbremst.

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Knapp die Hälfte des Stroms würden im Jahr 2030 mit erneuerbaren Energien erzeugt werden, davon die Hälfte mit Wind, so eine Studie des VDMA.
Knapp die Hälfte des Stroms würden im Jahr 2030 mit erneuerbaren Energien erzeugt werden, davon die Hälfte mit Wind, so eine...Foto: dpa

Frank Vach hat Glück mit dem Wind: Das erste Berliner Windkraftrad, das der auf erneuerbare Energien spezialisierte Unternehmer und ein Geschäftspartner 2008 in Pankow in Betrieb genommen hatten, leistet mehr als erhofft. Statt der jährlich geplanten vier Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom – das entspricht dem Bedarf von mehr als 1000 Vier-Personen-Haushalten – lieferte die Anlage im Vorjahr 5,2 Millionen kWh. „Wir sind gut gestartet“, sagt Vach, der bereits ein zweites Windrad in Pankow plant. Hinzu kommen Projekte außerhalb Berlins. 20 Anlagen des Herstellers Enercon betreibt seine Firma bereits – doch nun könnte die von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke die Expansion bremsen.

„Wenn man die Kernkraft unterstützt und die erneuerbaren Energien beschneidet, erzeugt das große Unsicherheit“, kritisiert Vach. Anlagenhersteller müssten mit sinkenden Verkäufen rechnen und die Betreiber mit Problemen, ihren Ökostrom ins Netz zu bekommen. Denn ein Überangebot an Billigstrom kann dazu führen, dass Energieversorger die Einspeisung aus Solar-, Wind- oder Wasserkraftwerken vorübergehend stoppen. Darüber hinaus könnten Banken bei der Kreditvergabe zögern, glaubt der Unternehmer. Windkraftanlagen würden langfristig geplant, in der Regel dauere die Vorbereitung drei bis acht Jahre. Für die Pankower Anlage befürchtet Vach allerdings keine Nachteile, denn sie genießt Bestandsschutz. Der Einspeisetarif von 8,03 Cent je Kilowattstunde ist auf 20 Jahre festgelegt, und Vattenfall speist den Strom bisher anstandslos ins Netz ein.

Nicht nur Vach führt das neue Energiekonzept auf „gute Lobbyarbeit“ der Stromkonzerne zurück. „Die Bundesregierung knickt vor der Atomlobby ein“, kritisierte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Auf Jahre hinaus würden „die strukturellen Voraussetzungen für die Erzeuger von erneuerbarer Energie nachhaltig verschlechtert und ein fairer Wettbewerb auf dem Strommarkt verhindert“. Damit seien viele Arbeitsplätze gefährdet. Zusammen mit Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) kündigte Wolf an, mit allen rechtlichen Mitteln gegen den sogenannten Energiekonsens vorzugehen – notfalls mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.

Als Zukunftsbranche gilt in Berlin vor allem die Solartechnik, der sich Unternehmen wie Solon, Sulfurcell und Inventux widmen. Man habe sich immer darauf verlassen, dass es beim vor zehn Jahren beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie bleibe, sagt der Solon-Vorstandsvorsitzende Stefan Säuberlich. Nun setze Deutschland „seine Vorreiterrolle aufs Spiel“ und lege einer jungen, innovativen Branche „ohne Not Steine in den Weg“. Ob und wie stark der Absatz von Solaranlagen einbreche, hänge vor allem von den Fördersätzen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ab. „Je stärker der reguläre Strompreis steigt, desto eher ist die Fotovoltaik wettbewerbsfähig.“ Durch die Laufzeitverlängerung werde der Preis aber niedrig gehalten und „der Wettbewerb verzerrt“. Solon macht rund zwei Drittel seines Umsatzes in Deutschland. Säuberlich nimmt an, dass dieser Anteil sinken wird – vor allem durch ein starkes Wachstum in anderen Ländern.

Von einem „Geschenk an die Atomindustrie“ sprechen Vertreter von Sulfurcell, „wir sehen den Atomkompromiss sehr kritisch“. Das Ausmaß der Folgen sei aber unklar, noch habe niemand Bestellungen storniert. Bei der neuen Umwelttechnikmesse „Clean Tech World“ auf dem Flughafen Tempelhof (siehe Infokasten) präsentiert sich jetzt unter anderen die Juwi-Gruppe, die mit 900 Mitarbeitern und rund 900 Millionen Euro Umsatz nach eigener Auskunft „einer der führenden Entwickler von Solar-, Wind- und Bioenergieanlagen“ ist. Die Firma aus Rheinland-Pfalz hat eine Niederlassung in Berlin. „Wir brauchen keine Atomkraftwerke als Brücke, sie bringen uns den erneuerbaren Energien nicht näher, sondern blockieren und verhindern sie“, sagt Firmenchef Matthias Willenbacher. „Während die Konzerne weiter abkassieren und ihre Marktmacht festigen können, werden eine Zukunftsbranche und mit ihr viele mittelständische Unternehmen ausgebremst.“

Die Solarindustrie muss auch die jüngsten Kürzungen bei der Einspeisevergütung verkraften. Bei der Windenergie sinkt die Förderung nur in kleineren Schritten. André Kaun von der IWS Ingenieurgesellschaft Kaun & Haase in Köpenick, die Wind- und Solarparks plant und baut, bleibt gelassen: „Vor allem in Brandenburg entwickelt sich das Geschäft gut. Ich denke, das Interesse lässt nicht nach.“ Derzeit plant Kaun eine Solaranlage im Landkreis Havelland. Die Verunsicherung der Branche versteht er aber, schließlich seien die langfristigen Folgen „wirtschaftlich noch gar nicht abzuschätzen“.

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