Wirtschaft : Atomkonsens: Die Alternative zur Kernkraft bleibt dunkel

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Die Versorgung der Verbraucher bleibt auch nach dem beschlossenen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie sicher. Der nun gefundene Konsens könnte sich für die deutschen Energieversorgungsunternehmen sogar positiv auswirken, darin sind sich alle Branchenkenner einig. Die großen Unternehmen lassen sich nur ungern in die Karten blicken. Fest steht aber: Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung wird abnehmen.

Die großen Energieversorger versuchen, dem Kompromiss positive Seiten abzugewinnen. So erklärte der Vorstandsvorsitzende der Veba, Ulrich Hartmann, am Donnerstag, die Veba halte die Vereinbarung insgesamt für vertretbar. Schließlich sei ein störungsfreier Betrieb der Kernkraftwerke und eine sichere Entsorgung damit über Jahrzehnte gewährleistet. Die Veba-Tochter Preussenelektra erzeugte 1999 fast 46 Prozent ihres Stroms aus Kernenergie, knapp 43 aus Steinkohle und etwa sieben Prozent aus Braunkohle. Wie die Zusammensetzung in Zukunft aussehen wird, darüber macht man sich in Düsseldorf zwar Gedanken, doch preisgeben wollte sie ein Sprecher nicht.

Der Vorstandsvorsitzende der RWE, Dietmar Kuhnt, hatte allerdings noch Ende Mai gewarnt, den deutschen Energieversorgern werde in Zukunft nichts anderes übrig bleiben, als die Stromimporte drastisch zu erhöhen und im Ausland nach neuen Kraftwerksstandorten zu suchen, gleichzeitig aber auch deutlich betont: "Wir von RWE wollen dies nicht." Eine Unternehmenssprecherin verwies am Donnerstag denn auch darauf, dass bei RWE über eine veränderte Zusammensetzung der Stromerzeugung nachgedacht werde. Mit der Vorlage konkreter Ergebnisse zögert RWE aber. Gegenwärtig stammen rund 20 Prozent des Stroms der RWE aus Kernenergie, über 48 Prozent aus Braunkohle. 22,3 Prozent werden als Fremdstrom dazugekauft. In Zukunft, so RWE, werden neben Erdgas aber auch alternative Energien - etwa Brennstoffzellen - eine zunehmende Rolle spielen.

Wenig ändern wird sich bei der Viag. Vorstandschef Wilhelm Simson sieht in dem Kompromiss kein endgültiges Ausstiegsszenario. So bald werde kein Viag-Reaktor vom Netz gehen. Im übrigen verweist man in München darauf, dass es im Strommarkt Überkapazitäten gibt. Soll wohl heißen: Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wenn ein Kraftwerk vom Netz geht.

Die Verstromer von Braunkohle spüren Aufwind. Zwar will man den Atom-Kompromiss bei der Berliner Veag nicht offiziell bewerten, verweist aber darauf, die Regelung eröffne neue Chancen für die ostdeutsche Energiewirtschaft. Der ostdeutschen Braunkohle werde damit ein hoher Stellenwert eingeräumt und sie könne in Zukunft eine entscheidende Rolle im Wettbewerb spielen, so ein Sprecher. "Der größte Teil unseres Stroms kommt auch in Zukunft aus Berliner Heizkraftwerken", heißt es bei der Bewag lapidar. Rund ein Drittel kauft der Berliner Versorger derzeit zu, meist von der Veag.

Bundesweit dürfte sich der Energiemix - nicht zuletzt wegen des Kompromisses - allerdings stark verändern. Zu diesem Ergebnis kommt das Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln in einer kürzlich vorgelegten Studie, in der die Kernkraft zu den Verlierern gezählt wird. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch wird von 13 Prozent (1999) auf gut sieben Prozent im Jahr 2020 sinken. Die Wissenschaftler gingen noch davon aus, dass die Nutzung der bestehenen Kernkraftwerke in Deutschland auf maximal 35 Jahre beschränkt wird, und errechnen, dass die Stromerzeugung aus Kernkraft sich zwischen 1997 und dem Jahr 2020 um 117 Terra-Watt-Stunden (TWh) verringert. Weniger als ein Drittel davon werde durch die Steigerung der regenerativen Stromerzeugung gedeckt. Der große Rest müsse durch erhöhte Stromerzeugung aus Gas, Stein- und Braunkohle gedeckt werden. Insgesamt werde die Stromerzeugung aus fossilen und regenerativen Quellen zwischen 1997 und dem Jahr 2020 um 169 TWh zunehmen. Neben dem Ersatz für die Kernkraft entfielen fünf TWh auf den Ersatz von Heizöl, und 47 TWh seien zur Deckung des höheren Stromverbrauchs notwendig.

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