Atomkraft : Akw-Betrieb auch nach dem Jahr 2035 möglich

Der Ende 2010 ausgehandelte Kompromiss zur Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke erlaubt den Betreibern, ihre Kernkraftwerke bis weit über das Jahr 2035 hinaus laufen zu lassen. Ältere Meiler müssten dafür still gelegt werden.

J. Flauger, K. Stratmann

Die deutschen Kernkraftwerke laufen möglicherweise deutlich über das Jahr 2035 hinaus. In den Konzernzentralen der Betreiber wird derzeit nachgerechnet, ob sich der Betrieb älterer Meiler noch lohnt, wenn die von der Bundesregierung angekündigten zusätzlichen Sicherheitsauflagen umgesetzt werden müssen. Aus Sicht der Betreiber dürfte es in einigen Fällen sinnvoller sein, die alten Meiler direkt stillzulegen – und die dort nicht verbrauchten Strommengen auf jüngere Meiler zu übertragen. Deren Laufzeitende würde dann entsprechend weiter nach hinten verschoben.

In Branchen- und Regierungskreisen heißt es übereinstimmend, die Möglichkeit der Übertragung der zusätzlichen Strommengen, die den Betreibern mit dem Ende 2010 ausgehandelten Kompromiss zur Laufzeitverlängerung zugeteilt wurden, sei unproblematisch. Auch die neuen Stromkontingente könnten ohne Weiteres von älteren auf jüngere Meiler übertragen werden. Wer so verfahre und sich damit Ausgaben spare, handele ganz und gar gesetzeskonform. Es handele sich um eine „interessante Optimierungsvariante“, heißt es.

Die Bundesregierung hatte im Herbst entschieden, die Laufzeiten der Kernkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern. Ältere Kernkraftwerke dürfen acht Jahre länger laufen, die jüngeren 14 Jahre. Dazu werden jedem Reaktor bestimmte Strommengen zugewiesen. Hat der Reaktor diese Strommengen produziert, erlischt die Betriebserlaubnis. Die Übertragung war auch schon vor der Verlängerung der Laufzeiten möglich. Mit der neuen Regelung aber wird sie besonders interessant. Bestandteil des Gesetzes ist eine Erhöhung der Sicherheitsanforderungen. Daraus werden sich voraussichtlich Kosten von mindestens 500 Millionen Euro je Reaktor ergeben. Insbesondere bei den älteren Reaktoren stellt sich die Frage, ob der Aufwand lohnt. Dabei haben die Unternehmen insbesondere die Meiler Neckarwestheim I, Biblis A und Brunsbüttel im Blick, die alle seit Mitte der 70er Jahre arbeiten.

Im Januar setzte Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen ein Fragezeichen hinter den Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Brunsbüttel, das Eon – wie das Kraftwerk Krümmel – gemeinsam mit Vattenfall gehört. Beide Meiler sind derzeit außer Betrieb. Auf die Frage, ob die Reaktoren je wieder ans Netz gehen würden, sagte Teyssen dem „Handelsblatt“, höhere Priorität habe Krümmel. In Branchenkreisen rechnet niemand damit, dass Brunsbüttel noch einmal angefahren wird. Die Reststrommengen würden die Unternehmen auf Brokdorf übertragen, heißt es, das 1986 an den Start ging und damit zu den jüngeren Anlagen gehört.

Unklar ist auch die Zukunft des Meilers Neckarwestheim I, der EnBW gehört. Noch rechne sich der Betrieb des Kraftwerks knapp, heißt es in Unternehmenskreisen. Das könnte sich mit den neuen Sicherheitsauflagen aber ändern. Auch im Fall Biblis A wird gerechnet. Ob der Betreiber RWE in Deutschlands ältesten Reaktor noch hohe Summen stecken wird, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

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