Atomkurs : Proteste bei RWE-Hauptversammlung

Auf der Hauptversammlung von RWE attackieren Atomkraftgegner Konzernchef Jürgen Großmann. Abschalten! Das fordern die Kritiker - die Ordner werfen sie raus.

Jürgen Flauger
Schwerer Stand. Die Rede von Vorstandschef Jürgen Großmann in der Grugahalle wurde immer wieder gestört. Ein Personenschützer baute sich vor dem Rednerpult auf.
Schwerer Stand. Die Rede von Vorstandschef Jürgen Großmann in der Grugahalle wurde immer wieder gestört. Ein Personenschützer...Foto: dapd

Selbst Jürgen Großmann gelingt es nicht, die Haltung zu wahren. Gerade einmal fünf Sätze hat er am Stehpult in der Essener Grugahalle gesprochen, als die ersten Umweltaktivisten nach vorne stürmen und die von 5000 Teilnehmern besuchte RWE-Hauptversammlung stören. „Abschalten, abschalten“, brüllen sie. Die Ordner führen das Grüppchen ab. Aber immer wieder greifen Aktivisten von verschiedenen Stellen im Saal aus an, blasen auf Trillerpfeifen und schwenken Transparente wie „Energiebosse nach Fukushima“. RWE-Chef Großmann versucht, seine Rede in Ruhe abzuspulen – und mit Witz zu kontern: „Wir haben derzeit so viele Energieexperten wie sonst nur Bundestrainer“. Aber dann verhaspelt er sich doch. „Von dem erfolgreichen Abschalten Ihrer RWE profitieren auch Sie“, kommt der sonst so souveräne Vorstandschef aus dem Konzept. Er meinte „erfolgreiches Abschneiden“.

Nach dem Reaktorunglück von Fukushima ist die Energiewelt aus den Fugen. Die Bundesregierung plant eine radikale Wende in der Atompolitik und will rasch aus der umstrittenen Technologie aussteigen. Großmann hat darauf auf seine Art reagiert. Als einziger der vier Akw-Betreiber ging er auf Konfrontation und reichte eine Klage gegen das dreimonatige Moratorium der Regierung ein.

Spätestens damit ist Großmann für die Anti-Atombewegung zum Feinbild geworden. Vereinzelt hatten Aktivisten von Greenpeace und Attac auch in der Vergangenheit rund um die Hauptversammlung demonstriert. In diesem Jahr aber machen mehr als 200 vor der Grugahalle Stimmung. Mit Megafonen und Pfeifen fordern sie die Aktionäre zum Widerstand auf und behindern sie mit Sitzblockaden. Mehrere Dutzend Polizisten sind nötig, damit die Versammlung mit zehn Minuten Verspätung beginnen kann.

Kritik erfährt Großmann auch von seinen Anteilseignern. Die Vertreter der kommunalen Aktionäre, die rund 25 Prozent der Aktien besitzen, sehen den strikten Atomkurs des RWE-Chefs mehrheitlich kritisch. Bereits am Dienstagnachmittag musste Großmann sich auf der Sitzung des Regionalbeirats von RWE rund 200 Bürgermeistern und Landräten stellen. In einigen Wochen soll nun auf einer Sondersitzung über das Energiekonzept der Bundesregierung und die Atomfrage diskutiert werden.

Mehr als 40 Aktionäre melden sich am Freitag zu Wort, viele Umweltaktivisten drängen ans Mikrofon, aber auch Atom- Hardliner. Die Fronten verlaufen quer durch die Hauptversammlung. Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre, stellt einen Dinosaurier auf das Rednerpult – Großmann war jüngst vom Bund für Umwelt und Naturschutz der Titel „Dinosaurier des Jahres“ verliehen worden. Fondsvertreter fordern mehr Kompromissbereitschaft, zeigen aber wie viele Kleinaktionäre Verständnis für die Klage Großmanns gegen die Bundesregierung . „Jeder, der Atomstrom nicht will, hat die Möglichkeit seine Aktie zu verkaufen“, sagt Harald Petersen von Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.

Großmann versucht, das Image des Hardliners abzustreifen. „RWE ist gesprächsbereit“, sagt er. Die Klage sei keine Kampfansage. Wenn die Bevölkerung und die Politik den Atomausstieg wollten, werde sich RWE dem nicht verschließen. Aber er kann nicht verhehlen, dass das nicht seine Überzeugung wäre. Er spricht vom „deutschen Sonderweg“, der Strom verteure, den Klimaschutz und die Versorgungssicherheit gefährde. Großmann wird weiter kämpfen. „Ich trete für Verlässlichkeit ein. Mein Vertrag läuft über fünf Jahre – und den will ich erfüllen.“ Der Zwei-Meter-Mann zeigt sich unbeeindruckt und bleibt auf Kurs. „Wir betreiben Kernkraftwerke. Und dazu stehen wir.“ HB

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