Wirtschaft : Auch 2008 wird gut für die Industrie

Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser ist optimistisch, warnt aber vor den Folgen der Finanzkrise

Alfons Frese

Berlin - Der Kern der deutschen Industrie ist für das kommende Jahr optimistisch. „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Jahr 2008 für unsere Branche ordentlich wird. Ob gut oder sehr gut, kann man noch nicht sagen“, sagte Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, dem Tagesspiegel. „Es wird vermutlich weitere zusätzliche Arbeitsplätze in 2008 geben.“ Die Metall- und Elektroindustrie sei derzeit „mit ihrem breiten Leistungs- und Produktspektrum sehr erfolgreich, unsere Produkte stehen weltweit im Fokus der Nachfrage“.

Zu den Folgen der Finanzkrise, vor allem eine mögliche Kreditzurückhaltung der Banken, sagte Kannegiesser, „die Blutbahn der Wirtschaft wäre in dem Fall gestört“. Zwar seien die Auswirkungen der Krise „noch nicht erkennbar, doch das Risiko ist gewachsen“. Die „derzeit im Durchschnitt wieder bessere Finanzausstattung der Unternehmen ist aber ein Polster, das die Abhängigkeit von Krediten ein Stück weit reduziert“. Falls sich die Banken künftig mit Krediten zurückhielten, seien vor allem kleine Firmen betroffen, „weil die häufig von Krediten abhängig sind“. In dem Zusammenhang warnte der Arbeitgeberpräsident die Europäische Zentralbank (EZB) vor einem weiteren Zinsschritt. „Eine weitere Zinserhöhung wäre sicher nicht hilfreich. Die Fehlentwicklungen auf den Kapitalmärkten dürfen nicht auf die Unternehmen durchschlagen.“

Neben der möglicherweise schwieriger werdenden Finanzierung eigener Investitionen sieht Kannegiesser aber auch Gefahren für den Verkauf deutscher Maschinen und Anlagen. „Bei jedem zweiten oder dritten Geschäft müssen wir eine Finanzierung mitbringen. Ohne diese Finanzierungskomponente kämen viele Geschäfte überhaupt nicht zustande, etwa in Russland und China“, sagte Kannegiesser. Sein eigenes Unternehmen, das vom westfälischen Vlotho aus Großwäschereitechnik in aller Welt verkauft, hatte 2006 die Zahl der Mitarbeiter um 100 auf 1200 steigern können.

In die allerorten zu hörenden Klagen über einen Facharbeitermangel will Kannegiesser nicht einstimmen. Es sei vielmehr „schon immer schwierig gewesen, gute Leute zu bekommen“. Doch mit einer langjährigen Ausbildungsquote von gut zehn Prozent habe sein Unternehmen vorgesorgt. „Kontinuität in der Ausbildung ist wichtig. Wenn es da einmal einen Filmriss gibt, wird es schwierig.“

Der Gesamtmetall-Chef warnte vor einem übertriebenen Einsatz von Leiharbeitnehmern, wie er häufig von Gewerkschaften kritisiert wird. Der IG Metall zufolge bedrängt der massive Einsatz von Leihkräften die „normale“ Belegschaft. „Die Stammbelegschaften unter Druck setzen funktioniert nicht: Das geht auf Kosten der Motivation, das holt sie in der nächsten Kurve wieder ein“, meinte Kannegiesser dazu. Eine Lohndifferenz zwischen Leiharbeitnehmer und Belegschaft sei aber erforderlich, „weil die Produktivität unterschiedlich groß ist“.

Zu den Beschlüssen der Regierung, den Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften aus Osteuropa zu erleichtern, sagte Kannegiesser, „das ist das Minimum dessen, was man machen konnte, denn in zwei Jahren wäre das sowieso gekommen“. Die Pläne nimmt er aber als Beleg „für einen Bewusstseinswandel: Wir stehen im Wettbewerb um die Talente dieser Welt. Und diejenigen, die zu uns kommen, müssen sich hier wohlfühlen.“

Kannegiesser verteidigte den Tarifabschluss vom Mai, der mit einer Lohnerhöhung um 4,1 Prozent für die mehr als drei Millionen Metaller bei Arbeitgebern Kritik provoziert hatte. „Für die Mitarbeiter war es wichtig, die Vier zu sehen. Sie wissen, dass sie etwas davon haben, wenn es gut läuft. Denn in den letzten Jahren konnten sie das Gefühl bekommen, es gebe überall Begrenzungen für sie.“ Für Gesamtmetall sei der hohe Abschluss möglich gewesen, „weil wir eine Differenzierung nach Lage der Konjunktur und nach Lage im Betrieb erreicht haben“.

Kannegiesser kritisierte erneut das Verhalten der Lokführergewerkschaft GDL, die bei der Bahn einen eigenen Tarifvertrag aushandeln will. „Wenn jede Gruppe für sich das Maximale herausholt, schlägt das auf mittlere Sicht auch auf die vermeintlich Stärkeren zurück.“ Im Übrigen sei „jedes Unternehmen eine Leistungsgemeinschaft, sozusagen eine Seilschaft“. Ferner gehöre zur Tarifpolitik „immer auch ein Stück Solidarität; diese Solidarität würde zerstört werden, wenn es nach dem Motto ,Jeder für sich und Gott für uns alle‘ zuginge“, sagte der Präsident von Gesamtmetall.

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