Wirtschaft : Auch das große Geld hat sich verspekuliert

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Von Henrik Mortsiefer

An den Finanzmärkten macht sich Resignation breit. Obwohl die Aussichten für die Konjunktur dies- und jenseits des Atlantiks immer besser werden, erholen sich die Aktien nicht. Im Gegenteil: Jede schlechte Nachricht wird gierig aufgenommen und vom Markt mit neuen Kursrückgängen beantwortet. Am Freitag waren es die vorsichtigen Umsatzprognosen des Chip-Herstellers Intel, die zum Absturz führten. Dazu eine Herabstufung des gesamten Halbleitersektors durch Merrill Lynch, die Angst vor bösen Überraschungen aus den Unternehmen, die allzu fernen Verheißungen eines neuen Booms…

Die Anleger trauen der Zukunft nicht mehr. Der in den vergangenen zwei Baisse-Jahren oft erteilte Ratschlag der Experten, Aktien dann zu kaufen, wenn sie billig sind, wird nicht mehr ernst genommen. Das ist verständlich, wenn man die Preise nach dem Einkauf immer weiter fallen sieht. Solange der Aufschwung in den Unternehmen nicht angekommen ist und sich nur in Statistiken versteckt, will sich niemand festlegen. Die Schnäppchenjäger, die auch in der Krise noch ihren Schnitt machen, sind rar geworden. Die übervorsichtige Zurückhaltung ist der Reflex auf den Spieltrieb und Wagemut, mit dem sich die Sparbuchbesitzer vor drei Jahren an die Börse trauten. Die bittere Einsicht, zu viel gewagt – und verloren – zu haben, schlägt sich nun in übertriebener Vorsicht nieder. Betroffen davon sind nicht nur die Börsen-Laien, sondern auch die Profis bei Fonds und Versicherungen. Auch das große Geld hat sich schließlich verspekuliert.

Die guten Nachrichten müssen sich jetzt schon häufen, bevor das Kapital an die Börse zurückkehrt. Solange es nur zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück geht, werden die Pessimisten den Ton angeben. Der Boom der New Economy hat ein knappes Jahr gedauert. Die Erholung von ihrem Niedergang könnte mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Börsenweisheit, dass Wahljahre Börsenjahre sind, wird daran nichts ändern. Egal, wer im September ins Kanzleramt einzieht: Die Anleger haben andere Sorgen.

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