Wirtschaft : "Auch der Einzelanwalt wird überleben"

IM INTERVIEW - Graf von Westphalen: Aber Globalisierung zwingt zu Fusionen / Law Firms drängen auf den Markt

Das Fusionskarussell in der deutschen Anwaltslandschaft dreht sich munter weiter.Erneut ist auch Berlin betroffen: Denn die neue Großkanzlei Graf von Westphalen Fritze & Modest - ein Zusammenschluß der Kanzleien Graf von Westphalen und Modest (Köln, Hamburg), Fritze Weigel, Bornemann, Arnold & Keim (Frankfurt) sowie von Pander, Willfort & Co.(Berlin, München) - wird auch in Berlin vertreten sein.Was macht die Spree so attraktiv für die Anwaltsszene? Heike Jahberg fragte den prominentesten Gründungspartner der Sozietät, Friedrich Graf von Westphalen. TAGESSPIEGEL: Warum kommen immer mehr Großkanzleien nach Berlin? VON WESTPHALEN: Zunächst einmal ist es die Metropole, zweitens werden Bundesregierung und Bundestag hierhin ziehen und dann die Verbände.Hier entsteht ein großer neuer Markt - der Markt Berlin hatte früher nur eine Inselfunktion -, und schließlich ist Berlin eine Drehscheibe für das osteuropäische Geschäft. TAGESSPIEGEL: Immer mehr deutsche Kanzleien schließen sich zusammen.Verglichen mit der Konkurrenz aus den USA oder Großbritannien, wo bis zu 1000 Anwälte in einer Kanzlei arbeiten, sind die Größenverhältnisse bei uns aber immer noch bescheiden.Können die deutschen Anwälte dennoch mithalten, oder muß es zur Fusion der Fusion kommen? VON WESTPHALEN: Die großen ausländischen Kanzleien wie Baker & McKenzie und Clifford Chance wollten zunächst ein Joint-venture mit deutschen Kanzleien.Das hat aber nicht geklappt.Wir erleben daher jetzt den Trend, daß die englischen und amerikanischen Kanzleien pur auf dem Markt einsteigen.Sie kaufen dann Anwälte aus verschiedenen Kanzleien ein und erkaufen sich so Kompetenz.Das allerdings vor allem auf dem Gebiet "financial markets", dem Geld- und Börsengeschäft.Bei dem Börsengang der Telekom etwa waren fast alle bedeutenden Investmentbanker vertreten sowie die großen Kanzleien.Auf diesem Gebiet kann man in Zukunft die Kompetenz wahrscheinlich nur noch in internationalen Joint-ventures haben.Die werden ja auch angesteuert. TAGESSPIEGEL: Welche Größe braucht eine Kanzlei heute? VON WESTPHALEN: Das hängt davon ab, welche Gebiete man besetzen will.Wenn Sie sich mit dem Kauf von Unternehmen beschäftigen, brauchen Sie mindestens 10 bis 20 Leute aus dem Bereich des Wirtschafts- und des Steuerrechts ad hoc verfügbar.Damit benötigt man eine Größe, die noch wesentlich über der unsrigen - wir haben 85 Anwälte - liegt.Wenn Sie Emissionen begleiten wollen, müssen Sie noch größer sein.Die Globalisierung zwingt auch die Anwaltschaft zu internationalen Fusionen. TAGESSPIEGEL: Viele junge Anwälte machen inzwischen einen Bogen um die großen Law Firms.Warum? VON WESTPHALEN: Die guten, jungen Anwälte sind heute viel mehr in ihren Familien integriert, falls sie welche haben, als früher.Wir müssen ihnen daher die Möglichkeit geben, ihren eigenen Lebensplan möglichst flexibel zu realisieren, Familie auf der einen Seite und hohes Anforderungsprofil in der Kanzlei auf der anderen Seite zu kombinieren.Wir freuen uns darüber, daß ein Frankfurter Partner fünf Kinder hat und wären entsetzt, wenn ein Anwalt als Partner fünf Mal verheiratet wäre. TAGESSPIEGEL: Wo bleibt der klassische Einzelanwalt? VON WESTPHALEN: Der Rechtsuchende braucht immer auch den, der wie ein Hausarzt fungiert.Die interessante anwaltliche Tätigkeit, bei der eine Dienstleistung erbracht und nicht nur ein Fall gelöst wird, wird aber zunehmend auf Spezialisten und damit auf größere Einheiten konzentriert werden.Die Routine des Verkehrsrechts-, Scheidungs- oder arbeitsrechtlich arbeitenden Anwalts wird bleiben, da werden auch Einer- oder Zweier-Kanzleien überleben können.Die Frage wird aber sein, ob man den Kostendruck aufhalten kann.Vielleicht muß sich der Anwalt dann selbst einmal an den Computer setzen, statt der Sekretärin. TAGESSPIEGEL: Aber wenn die Zulassungsbeschränkung vor den Landgerichten fällt, dürfte das die Situation der Einzelanwälte nicht gerade verbessern. VON WESTPHALEN: Die großen Streitwerte, die Sie zur Zeit noch in die Provinz hinein bekommen, sind dann weg.Die schöne Korrespondenzgebühr ist erledigt.Man hat im Grunde nur das, was man selbst vor Ort akquiriert.Und den Schrott, den die großen Kanzleien in die Provinz schieben, weil es sich nicht lohnt, selbst hinzufahren. TAGESSPIEGEL: Arbeiten sehr große Kanzleien eigentlich immer kostengünstiger als die kleinen? VON WESTPHALEN: Die ganz großen Kanzleien haben durchaus Stundensätze, die erheblich über unseren liegen.Die Stundensätze in der Branche schwanken von 350 DM bis 800 DM und plus. TAGESSPIEGEL: Der Anwalt war einst Organ der Rechtspflege und versteht sich jetzt als Dienstleister.Welche Konsenquenzen hat das? VON WESTPHALEN: Wir könnten ein Problem mit der Ethik bekommen.Für das Organ der Rechtspflege steht die Ethik außer Frage, für den Dienstleister ist sie möglicherweise geldabhängig.

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