Wirtschaft : Auch für Versicherer sind Frauen eine lukrative Zielgruppe - in Berlin hat man das bereits erkannt

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Auch die Berliner Finanz- und Versicherungswelt entdeckt Frauen als Zielgruppe: Sie werden mit speziellen Versicherungspaketen umworben, Banken organisieren Börsenklubs für Frauen und laden zu Informationsabenden. Darüber hinaus gibt es in der Stadt mittlerweile sechs Maklerbüros, die sich in erster Linie an Frauen wenden. Dabei sind Frauen auf den ersten Blick für Finanzdienstleister keine interessanten Kunden: Sie verlangen eine ausführlichere Beratung, überlegen sich eine Investition länger und gehen mit ihrem Geld sparsamer um als Männer. Das jedenfalls ist die allgemeine Erfahrung in der Branche. "Aber", sagt Birgit Bosold vom "Finanzkontor" in Berlin-Wilmersdorf, "Frauen sind treuere Kunden. Und das macht sie sehr lukrativ: Sie bleiben uns quasi ihr Leben lang erhalten." Zwei Drittel von Bosolds Kunden sind weiblich.

Warum eine geschlechtsspezifische Beratung? "Frauen haben andere Arbeitsbiographien", erklärt Bosold, "ihre Lebensläufe sind von Unterbrechungen gekennzeichnet - durch Schwangerschaft und Erziehungsurlaub." Da werden Anlage- und Vorsorgeprodukte mit flexiblen Raten wichtig. "Deshalb verkaufen wir keine Standards sondern maßgeschneiderte Konzepte", sagt Bosold.

Den Berliner Finanzdienstleisterinnen geht es jedoch um mehr als nur spezielle Angebote für Frauen - sie wollen zeigen, dass sie ihre Kundinnen ernst nehmen. Bosold: "Jede Frau kennt das doch: Geht sie zu ihrer Bank und hat zufällig einen Mann dabei, wenden sich die Bankangestellten immer an ihren Begleiter."

Verständlich ist die bisherige Nachlässigkeit von Banken und Versicherungen dennoch: Frauen kümmern sich nach wie vor sehr viel seltener als Männer um ihre Finanzen. Immer noch verlässt sich der überwiegende Teil von ihnen darauf, dass der Ehemann oder Partner vorsorgt. Inge Schassberger vom Berliner Maklerbüro "Fair Ladies" empfiehlt Frauen dagegen, sich spätestens mit 35 Jahren um eine finanzielle Absicherung zu bemühen. "Danach wird es teuer."

Seit Ende 1993 sind die "Fair Ladies" am Markt. "Im ersten Monat hatten wir Einnahmen von 54 DM", sagt Schassberger. Heute läuft das Geschäft gut, etwa 1000 Kundinnen weist die Kartei auf: selbstständige und angestellte Frauen aus allen Sparten, Studentinnen und Hausfrauen, Singles und Verheiratete. Zunehmend kommen aber auch Männer. Schließlich sind auch deren Lebensläufe im Zeichen der Massenarbeitslosigkeit brüchig geworden. Da werden ursprünglich für Frauen konzipierte Angebote auch für sie interessant. Beispiel: Rente.

Die Altersvorsorge von Frauen, insbesondere von Hausfrauen, ist seit jeher problematisch. Gefragt waren deshalb individuelle Vorsorgemodelle. Die werden nun gesamtgesellschaftlich relevant - und die Frauenberaterinnen können sich durch ihre jahrelange Präsenz am Markt einen handfesten Erfahrungsvorsprung gegenüber ihren männlichen Kollegen ausrechnen.

Dennoch: Auch sie werden in der männerdominierten Finanzwelt diskriminiert. So entging den "Fair Ladies" vor ein paar Wochen ein Auftrag - obwohl sie "sehr viel kompetenter waren, als die männlichen Mitbewerber", wie ein Mitarbeiter einräumte. Doch der Chef, so hieß es ganz ehrlich, mochte sich nun einmal nicht mit Anlageberaterinnen anfreunden.

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