Wirtschaft : Auch im Osten fallen jetzt die Preise

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Versorger Veag senkt die Kosten um mehr als 15 Prozent. Billigere Tarife im Westen von Berlinasi

Der Preiskampf im Strommarkt hat nun auch Ostdeutschland erfasst. Obwohl das Liefergebiet des Versorgers Veag noch jahrelang vor dem Wettbewerb geschützt werden sollte, drängt die Konkurrenz jetzt massiv in den Markt. Auch die Verbraucher im Westen Berlins können nun unter den Angeboten der Wettbewerber wählen. Nach der Kartellamtsentscheidung vom Mittwoch wird der Strom auch auf die Insel geliefert - zu den gleichen Preisen wie überall.

Wenige Wochen, nachdem die Stromversorger begonnen haben, mit Billigangeboten um Kunden in ganz Deutschland zu werben, hat die Marktentwicklung jetzt auch die neuen Bundesländer erreicht. Die sogenannte Braunkohleschutzklausel, die Ostdeutschland per Gesetz bis ins kommende Jahrtausend vom Wettbewerb befreien sollte, bremst die Konkurrenz nicht mehr.

Alle Stromanbieter, die bisher bundesweite Tarife für private Haushalte angeboten haben, wollen auch Kunden in Ost-Deutschland beliefern. Um die Schutzklausel für Braunkohleverstromung, die die Einleitung von fremdem Strom bis 2003 unterbindet, zu umgehen, nutzen die westdeutschen Anbieter Regionalversorger in Ost-Deutschland, an denen sie beteiligt sind. So sagte ein Sprecher der Viag-Tochter Bayernwerk AG dem Tagesspiegel am Donnerstag, dass ostdeutsche Interessenten die "Power-Angebote" der Münchner über den Thüringer Regionalversorger Teag erhalten werden.

Noch einen Schritt weiter geht jetzt die Energie Baden-Württemberg (EnBW) AG. Sie will eigene Industrie- und Gewerbekunden im Osten anwerben und sie mit Strom aus einem der 800-Megawatt-Stromblöcke des Kraftwerkes Lippendorf/Sachsen versorgen. Gemeinsam mit der Veag haben deren Gesellschafter EnBW und Bayernwerk südlich von Leipzig zwei Blöcke zur Braunkohleverstromung errichtet.

Der Strom des Blockes, der Bayernwerk/EnBW gehört, sollte ursprünglich nach Südwest-Deutschland geliefert werden. Diese Vereinbarung mit der Veag soll nach Informationen des Tagesspiegel jetzt gebrochen werden. Am Donnerstag hat EnBW mit den Stadtwerken Schkeuditz/Sachsen der Veag den ersten Kunden abgejagt. Im Herbst wollen die Schwaben mit massiven Marketingaktionen im Osten um Gewerbe- und Industriekunden werben. Neben Bayernwerk und EnBW gehören noch fünf weitere Stromunternehmen zu den Eigentümern der Veag.

Den ostdeutschen Versorger Veag manövriert die Marktentwicklung bereits in Ertragsprobleme. Um nicht noch mehr Kunden zu verlieren, muss die Veag die Preise senken. Wie der Vorstandsvorsitzende Jürgen Stotz am Mittwoch Abend bekanntgab, wird die Veag ab 1. November ihre Preise um "mindestens 15 Prozent" heruntersetzen. Veag hat keine eigenen "Kleinstkunden". Das Unternehmen beliefert die sieben Regionalversorger, Stadtwerke und industrielle Großkunden. Zur Finanzierung des Umsatz- und Ertragsverlustes durch die Preissenkung werde das Unternehmen einen "Weg des Leidens" beschreiben müssen, sagte Stotz. Sonderabschreibungsposten müssten vorzeit aufgelöst und Abschreibungszeiträume gestreckt werden. Zudem stehe ein Verzehr von Eigenkapital bevor. Die Eigentümer müssten deshalb auch künftig über "Substanzverzehr und Markterhalt oder aber Dividende" entscheiden. Auch der Personalabbau werde weiter voranschreiten. Die Marktturbulenzen, sagte Stotz, "bringen uns in temporäre Probleme". Weit über 200 Durchleitungsanträge für Industrie- und Gewerbekunden habe man bisher schon erhalten, "und es werden täglich mehr", sagte Stotz. Während bisher mit den Kunden immer Preisvereinbarungen gefunden wurden, kündigte Stotz an, dass es angesichts der zunehmenden Antragszahl "jetzt verstärkt zur Verweigerung der Durchleitung" kommen werde.

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) hat derweil die Energieerzeuger und Verbraucherverbände zu einer neuen Gesprächsrunde über die Spielregeln auf dem liberalisierten Strommarkt eingeladen. Die sogenannte Verbändevereinbarung soll nach einer Mitteilung des Wirtschaftsministeriums am 28. September beraten werden.

Billigstrom in Berlin

Seit der Kartellamtsentscheidung vom Mittoch können auch Kunden im Westteil Berlins Strom von Konkurrenten der Bewag beziehen. Wegen der Leitungsknappheit dürfen die Unternehmen jedoch nur rund 20 Prozent ihres billigen Stroms nach Berlin einleiten. Den großen Rest müssen sie bei der Bewag kaufen. Dennoch haben alle Anbieter dem Tagesspiegel am Donnerstag bestätigt, dass ihre bundesweiten Billigangebote auch für den Westen Berlins gelten. "Das Risiko liegt voll bei uns", sagte ein Sprecher von RWE Energie AG in Essen, die am Mittwoch ihren Preis noch einmal reduziert hatten. Auch die Anbieter Yello, Ares, Kawatt und die Bayernwerk beteuerten: "Unsere Preise gelten auch im Westteil Berlins."
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