Wirtschaft : Auch in Japan finden sich noch ausgewählte Titel

Wer sein Geld in Japan angelegt hat, muß derzeit zittern.Täglich erreichen die Anleger neue Hiobsbotschaften aus dem einstigen Wirtschaftswunderland, das voll in den Abwärtsstrudel zu geraten scheint.Wie sollen sich Anleger in dieser schwierigen Situation verhalten? Joachim Hofer sprach darüber mit Jens Münster, Chief Analyst der WestLB Securities Pacific, Tokio.

TAGESSPIEGEL: Herr Münster, die europäischen Börsen boomen, in Japan dagegen schlittert der Markt immer tiefer in den Keller.Ist Japan für deutsche Anleger jetzt völlig uninteressant?

MÜNSTER: Mit Sicherheit nicht völlig.Man muß sich allerdings schon fragen, ob es jetzt nicht zu früh zum Einsteigen ist.Ich meine,man sollte noch etwas warten.Ich erwarte, daß der Nikkei-Index noch weiter fällt, und auch der Druck auf den Yen weitergeht.Einen Nikkei-Stand von 12 000 Punkten halte ich für durchaus wahrscheinlich.

TAGESSPIEGEL: Woran liegt es, daß die europäischen und die US-Börsen boomen, Japan dagegen immer schwächer wird?

MÜNSTER: Anfang der 90er Jahre waren die japanischen Banken die stärksten der Welt.Japan hatte ein sattes Haushaltsplus und einen großen Leistungsbilanzüberschuß.In den USA sah es genau umgekehrt aus.Heute ist die Lage umgedreht.Die japanischen Banken gehören zu den wackeligsten der Welt, das Haushaltsdefizit steigt, und nur die günstige Leistungsbilanz ist den Japanern geblieben.Für Europa und die USA bedeutet das eine relative Verbesserung zu ihren Gunsten.Japan hat auch noch keine überzeugenden Maßnahmen ergriffen, die ein Ende der Krise absehbar erscheinen lassen.Die Amerikaner haben Anfang der 90er die schwachen Banken pleite gehen lassen.Die Japaner hingegen zögern eine Bereinigung des Finanzsektors hinaus.

TAGESSPIEGEL: Müssen wir uns auf weitere schlechte Nachrichten gefaßt machen?

MÜNSTER: Das ganze Ausmaß der schlechten Kredite ist ja noch gar nicht bekannt.Und ein Ende der Konsumschwäche ist nicht in Sicht.Fast 70 Prozent des japanischen Bruttosozialprodukts stammen aus dem Konsum - aber die Verbraucher kaufen einfach nicht, weil das Vertrauen in die Zukunft fehlt.Die Steuersenkungen haben nicht geholfen, weil sie zeitlich befristet waren.

TAGESSPIEGEL: Gibt es einzelne japanische Aktien, die Sie noch empfehlen können?

MÜNSTER: Ausgewählte Titel kann man finden: Ricoh, die Kopiererfabrikanten, gehören dazu, weil sie gut geführt sind und einen hohen Exportanteil haben.Toyota Motors ist ebenfalls ein interessanter Kandidat.Die Firma ist stark in den USA und hat auch in Japan schon stark restrukturiert.Daneben ist Sony interessant.Diese Aktien lohnen sich, weil auch die Leute in Japan dezeit Qualität kaufen: Sie investieren in Blue chips.

TAGESSPIEGEL: Wie schätzen Sie die Lage an den anderen asiatischen Börsen ein? Ist irgendwo ein Aufschwung in Sicht?

MÜNSTER: Dafür ist es noch zu früh.Im Moment leiden auch die anderen noch unter dem schwachen Yen, weil die Japaner jetzt zu günstigeren Preisen exportieren können.Vielen asiatischen Staaten fehlt auch der Export nach Japan.Der Schlüssel für eine Gesundung der Region liegt in Japan.Wenn es dort besser läuft, werden sich auch andere Staaten, Firmen und Börsen wieder erholen.

TAGESSPIEGEL: Die Zentralbanken Japans und der USA haben in den vergangenen Tagen den Yen mit kräftigen Käufen gestützt.Wird sich der Yen jetzt dauerhaft stabilisieren?

MÜNSTER: Die Zentralbank-Interventionen bedeuten nur eine temporäre Stützung.Entscheidend für einen stärkeren Yen ist die wirtschaftliche Erholung in Japan.Dazu bedarf es struktureller Änderungen, die das Wachstum ankurbeln.Der Bankensektor zum Beispiel ist noch immer überreguliert.Wie gut oder schlecht es Japan geht, können Sie übrigens immer am sogenannten Taxifahrer-Index ablesen.Zu Boomzeiten mußte man in Tokio zum Teil eine halbe Stunde an der Straße warten, bis ein Taxi anhielt.Heute haben zahlreiche Japaner ihren Job verloren und sich ein Taxi gekauft.Jetzt dauert es meist nur noch zwei Minuten, bis ein Taxi hält.Das ist ein eindeutiges Zeichen, daß Japan noch große wirtschaftliche Schwierigkeiten hat.

TAGESSPIEGEL: Können deutsche Kleinanleger nicht dennoch von den Asien-Turbulenzen profitieren?

MÜNSTER: Über die Devisenmärkte ließe sich vielleicht etwas machen.Aber das würde ich niemandem empfehlen.Das ist viel zu heiß, das ist ein Markt für Profis.Der deutsche Privatanleger sitzt auf deutschen Aktien und Rentenpapieren schon sehr komfortabel.

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