Wirtschaft : Auch Langweiler machen Spaß

Vom Börsenaufschwung haben defensive Aktien wie Versorger profitiert – Analysten sehen weiter Potenzial

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Frankfurt (Main) (scc/HB). Die Strategie ist plausibel, hat aber Tücken. Wenn es an der Börse monatelang mit den Kursen nach oben geht, raten Aktienstrategen gewöhnlich zu einer Umschichtung des Depots: defensive Werte raus, offensive Werte rein. Doch defensive oder von der Konjunktur unabhängige Werte wie Energie oder Versorgertitel versprechen auch zu Hausse-Zeiten gute Chancen – und sind in diesem Jahr bereits gut gelaufen. „Grundsätzlich sollte der Anleger defensive Werte in einem Bullenmarkt natürlich untergewichten, nur eben nicht alle“, sagt Lars Kreckel, Aktienstratege von Commerzbank Securities in London.

Hauptgrund für die Nachfrage nach defensiven Werten: Im vergangenen Jahr kehrten zuerst die spekulativ veranlagten Investoren an den Aktienmarkt zurück. Jetzt steigen auch große konservative Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungen wieder ein. Diese haben in drei Jahren der Börsenbaisse ihren Aktienanteil sehr weit zurückgefahren und suchen nun gerade Substanz- und Standardwerte. Dabei wird speziell die Zeit zu Jahresanfang für Umschichtungen genutzt.

Ein Trend lässt sich bereits absehen. Die Experten von ABN Amro stellten in den letzten zwei Monaten fest, dass sich defensive Werte wie Konsum- oder Versorgeraktien besser entwickelten als zyklische oder offensive Titel, die von einem Wirtschaftsaufschwung massiv profitieren. Das wären Aktien aus den Bereichen Investitionsgüter, Automobil, Maschinenbau-, Chemie-, Technologie und Medien sowie Rohstoffe. Sie konnten in der Vergangenheit in Aufschwungphasen im Schnitt um 35 Prozent zulegen.

„Ein Teil dieses Trends ist zwar schon vorbei, viele Investoren sind aber noch immer dabei, ihre Quoten zu erhöhen“, sagt Commerzbank-Experte Kreckel. Er rät deshalb speziell zu den Branchen Energie, Pharma sowie Waren und Dienstleistungen. Der Energiesektor beispielsweise verspricht seiner Ansicht nach noch immer ein gehöriges Potenzial. „Die Gewinnerwartungen des Marktes sind im Energiesektor noch zu niedrig. Wir erwarten hier in den nächsten Monaten positive Überraschungen“, sagt Kreckel. Positiv kommt hinzu, dass dort traditionell hohe Dividenden fließen.

An Einzeltiteln stehen der italienische Versorger Eni und der französische Ölmulti Total auf der Empfehlungsliste ganz oben. Beide Aktien empfehlen auch die Experten von Morgan Stanley in ihrem aktuellen europäischen Modellportfolio. Auch den britischen BP-Konzern und dessen norwegischen Konkurrenten Statoil sollten Anleger in ihren Depots übergewichten, raten sie. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass BP mit seinem Ergebnis für das vierte Quartal zuletzt die Erwartungen von Morgan-Stanley-Analystin Irene Himona deutlich verfehlte. BP sei die Wachstumsaktie der Branche geworden. Das werde sich auch im laufenden Jahr zeigen – zumal sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt hat, die Produktion um zehn Prozent zu erhöhen.

Für den Pharma-Sektor spricht im Moment nach Expertenmeinung, dass er im Gegensatz zu anderen Branchen im vergangenen Jahr noch keinen Aufschwung erlebt hat. Das dürfte nach Ansicht von Commerzbank-Stratege Kreckel aber dann der Fall sein, wenn sich die Investoren 2004 wieder auf wirtschaftliche Daten besinnen. Bei Einzeltiteln zählen europäische Standardwerte wie Glaxo Smith-Kline (Großbritannien) und Novartis (Schweiz) derzeit sowohl bei der Commerzbank als auch bei Morgan Stanley zu den Favoriten.

Unterschätzter Tabak

Julien Garran von ABN Amro setzt vor allem auf Tabakaktien. So hat der spanische Wert Altadis den Index Eurotop 300 in den vergangenen zwei Monaten bereits um über elf Prozent übertroffen. „Die meisten Investoren sehen noch immer nicht die tolle Wachstumsstory, die Tabakaktien bieten“, erklärt Garran. Altadis beispielsweise sagt er ein jährliches Umsatzwachstum von durchschnittlich 14 Prozent für die nächsten fünf Jahre voraus.

Nicht ganz so positiv sehen hingegen Peter Yik und Christopher Wickharr von Lehman Brothers die Lage bei Altadis, weshalb sie der Aktie lediglich durchschnittliche Chancen zubilligen. Zwar loben sie die starke Position in den beiden attraktiven Zigarettenmärkten Frankreich und Spanien; dennoch hat Altadis gerade in Frankreich im Januar gegenüber dem Konkurrenten Philip Morris Anteile verloren. Stattdessen favorisieren Yik und Wickharr den britischen Titel Gallaher: „Gallaher bleibt das Highlight in einer sich konsolidierenden Branche.“ Vor allem deren russische Tochter Liggett-Ducat verspreche hohes Gewinnwachstum.

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