Wirtschaft : Auch Montenegro nimmt Abschied von der D-Mark

Caroline Fetscher

Wenn der Direktor der montenegrinischen Zentralbank, Ljubisa Krgovic, morgens in sein Büro geht, durchquert er symbolisch die Hallen der Reform. Es riecht nach Putz und Farbe in den Gängen des alten Baus auf der Straße Nemanjina Obala, der Verwaltungsmeile der Hauptstadt Podgorica. Auf allen Etagen wird renoviert.

Aufräumen will die Republik Montenegro mit vergangenen Epochen. Dazu gehört auch eine neue Währung: der Euro. Auf die blockfreien Jahre unter Tito, die Blütezeit des Tourismus an der Küste - dem nicht nur TUI heute wieder einen Boom voraussagt - folgten die Kriegsjahre, in denen auch hier die Wirtschaft zusammenbrach. Jetzt setzt Montenegro Zeichen für eine Zukunft, deren Leitmotiv Kooperation mit der EU, mit Europa lautet. Aufgeräumt wird ebenfalls mit dem großen, grauen Markt: Läden und Boutiquen boten bis vor kurzem geschmuggelte Markenware aus Italien zu Spottpreisen an. Im September endete für Händler die Frist, um illegale Geschäfte zu deklarieren und sie straffrei in legale umzuwandeln. Hunderte meldeten sich und zahlen jetzt Steuern. Ehe der Euro kommt, soll die Kasse in Ordnung sein. "Besser jetzt ein Schnitt mit Schmerzen, als ein Prozess, der sich hinzieht", erklärt der Bankdirektor gutgelaunt. Eine harte Währung, setzt er hinzu, "ist der Eckpfeiler unserer Reformen". Ljubisa Krgovic, 43, ist voll Tatendrang, gezügelt durch die Besonnenheit des Ökonomen. Dass Montenegro den Euro adoptiert, findet er "nur konsequent". Seit November 1999 gilt hier die Deutsche Mark als einzige Währung. "Damals haben wir uns von Serbiens inflationärem Dinar abgekoppelt. Wenn jetzt die Mark zum Euro wird, machen wir das natürlich mit. Der Dinar wäre für uns eine Bremse - die ganze Region wird sich dem Euro öffnen." Auch im Nachbarland Bosnien und im UN-Protektorat Kosovo gilt die Deutschmark als Zahlungsmittel und wird sich im Januar in Euro verwandeln.

Wichtig für viele auf dem Balkan ist zu wissen, dass Erspartes in D-Mark auf unbegrenzte Zeit hinaus von der Bundesbank umgetauscht wird. "Da können Sie auch in hundert Jahren noch mit ankommen, ob in Bonn oder auf dem Balkan", versichert Bundesbank-Sprecher Wolf-Rüdiger Bengs in Frankfurt. Seit Mitte Oktober zeichnet man in Montengro bereits alle Preise in beiden Währungen aus. Ab 1.Januar 2002 gelten sie parallel, und vom 1. März 2002 an zahlt man in Montengro nur noch mit Euro.

"Bei uns gibt es keine Angst vor dem Euro - im Gegenteil", sagt ein Textilhändler in Podgorica, breit strahlend. "Wir freuen uns darauf, denn er bedeutet Fortschritt!" Obwohl Serbien und Montengro zusammen den Rest der Bundesrepublik Jugoslawien ausmachen, bilden sie einen Staat, den es kaum noch gibt. Drei Regierungen unterhält er, für jede Republik eine sowie eine föderale, deren Existenz Montengro nicht anerkennt. De iure gehört die Republik zwischen Bergen und Adria zu Jugoslawien, de facto ist sie unabhängig. Der vollständigen Unabhängigkeit von Belgrad greifen die Finanzpolitiker in Podgorica mit ihrem Euro-Projekt voraus. "Die Verfassung unserer Republik erlaubt den Währungswechsel", legt Krgovic dar.

Nun muss die neue Währung als Schein und Münze ins Land. Slowenien, Musterkandidat Ex-Jugoslawiens für den EU-Beitritt, hat zwei Millionen Einwohner, Montenegro weniger als die Hälfte. Dennoch wird man hier Millionen an Münzen und Scheinen brauchen, um den Euro-Bedarf zu decken. Allein durch den Tourismus flossen diesen Sommer 50 Millionen Mark mehr in montenegrinische Kassen als im Vorjahr.

In Brüssel hat Ljubisa Krgovic mit Wim Duisenberg verhandelt, in Frankfurt mit Jürgen Stark, dem Vizepräsidenten der Bundesbank. Abgewickelt wird der Transport der ersten 30 Millionen Euro im Dezember über die Commerzbank. "Die Flugdaten für den Geldtransport nach Podgorica kann ich Ihnen natürlich nicht nennen", sagt Krgovic lächelnd: "Aus Sicherheitsgründen."

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