Wirtschaft : Auch Roche prüft höhere Belastung für Patienten Pharmakonzern kritisiert Festbetragsregelung

Maren Peters

Berlin - Der Pharmakonzern Roche schließt nicht aus, dass er dem Beispiel des Konkurrenten Pfizer folgen wird – und die Preise für einige patentgeschützte Medikamente nicht auf das Niveau der neuen Festpreise senkt. Patienten müssten dann die Differenz zum Apothekenpreis aus eigener Tasche zahlen oder auf ein günstigeres Medikament ausweichen. „Ob wir eine Anpassung vornehmen, hängt davon ab, wie unsere Produkte jetzt bewertet werden“, sagte Karl Schlingensief, der Vorstandsvorsitzende der deutschen Hoffmann-La Roche AG, dem Tagesspiegel. Schlingensief erwartet, dass der gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten und Kassen, der die Festbeträge festsetzt, über die ersten Roche-Produkte bis Ende 2005 entscheiden wird. Festbeträge sind die Preise, die von Kassen erstattet werden.

Betroffen sind unter anderem das Roche-Herzkreislaufpräparat Dilatrend und NeoRecormon zur Behandlung der Anämie.

Der Fall Pfizer wird damit zum Präzedenzfall für die ganze Branche. Die Kassen wollen dem US-Pharmakonzern vom kommenden Jahr an weniger Geld für seinen umsatzstarken Cholesterinsenker Sortis erstatten, als der bisher dafür verlangt. Hintergrund ist, dass zum Jahresende ein von der Regierung verordneter zehnprozentiger Herstellerrabatt ebenso ausläuft wie ein zweijähriger Preisstopp. Um die Arzneimittelausgaben aber auch im kommenden Jahr zu begrenzen, hat der Gesetzgeber ab Januar neue Festbeträge eingeführt. Zum ersten Mal werden auch patentgeschützte Produkte in die Preisregulierung einbezogen, deren therapeutischer Zusatznutzen gegenüber älteren Präparaten umstritten ist. Dazu zählt auch das Pfizer-Mittel Sortis.

Pfizer will sich das nicht gefallen lassen und hat angekündigt, den Verkaufspreis für Sortis nicht, wie bisher üblich, auf das niedrigere Festbetragsniveau abzusenken. Pfizer hält die Festpreisregelung für unrechtmäßig und hat bereits eine Klage angekündigt.

Roche-Deutschland-Chef Schlingensief sagte, die neuen Festbeträge könnten sein Unternehmen im nächsten Jahr bis zu 20 oder 30 Millionen Euro kosten. Den genauen Effekt könne man aber noch nicht abschätzen. Der erhöhte Rabatt, den die Regierung den Herstellern in diesem Jahr auferlegt hat, werde Roche mit rund 50 Millionen Euro belasten.

Wie Pfizer hat auch Roche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der neuen Festbeträge. Schlingensief, der auch stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) ist, befürchtet eine Aushöhlung der Patentrechte. Bislang galt, dass die Hersteller die Preise für die Dauer der Patentlaufzeit selbst festlegen durften und die Kassen den Betrag dann erstatteten. Der Roche-Chef forderte den gemeinsamen Bundesausschuss zu mehr Transparenz bei der Festlegung der Festbeträge auf.

Schlingensief teilt die Befürchtung der Krankenkassen, dass die Ausgaben der Kassen für Medikamente im kommenden Jahr steigen werden. „Wir werden im nächsten Jahr Kostensteigerungen bei den Arzneimitteln haben“, sagte er, ohne eine Größenordnung zu nennen. Grund seien neben dem Wegfall des Zwangsrabatts und dem Ende des Preisstopps vor allem so genannte Basis- und Struktureffekte: Zu Beginn des Jahres 2004 war die Verordnung von Arzneimitteln abgesackt, weil Patienten sich vor dem Jahreswechsel mit Medikamenten eingedeckt hatten, um höhere Zuzahlungen zu vermeiden. Mit flächendeckenden Preissteigerungen bei Medikamenten rechnet Schlingensief nicht. Nach Unterlagen des Konzerns Ratiopharm wollen dagegen fast alle in Deutschland tätigen Hersteller die Preise 2005 anheben.

Roche Deutschland erwartet durch den Wegfall des Zwangsrabatts und die Markteinführung des neuen Darmkrebsmedikaments Avastin in Europa für 2005 eine zweistellige Umsatzsteigerung. Mit der Zulassung für Avastin rechnet Schlingensief zum Jahresanfang. Langfristig erwartet Roche von dem Mittel einen Umsatz von 100 Millionen Euro.

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