Wirtschaft : Auch Zahlen können lügen

Bilanzskandale am Neuen Markt und in den USA erschüttern das Vertrauen der Anleger – aber vor kriminellen Tricksern gibt es keinen Schutz

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Von Dieter Fockenbrock

Winston Churchill wäre das Desaster deutscher Kleinaktionäre nicht passiert. Der gewiefte Staatsmann entschied nach dem Motto: „Ich traue nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Das hat ihn vor Schaden bewahrt. Aktienkäufer sollten sich das Prinzip des einstigen britischen Premierministers zu eigen machen. Die Bilanzskandale am Neuen Markt, erst recht aber die unglaublichen Bilanzmanipulationen großer amerikanischer Konzerne haben das Vertrauen in das Zahlenwerk von Aktiengesellschaften tief erschüttert. Fast überall, so der Eindruck, wird nur geschummelt und gemogelt, Bilanzen sagen alles – und gar nichts.

Lug und Trug, Unvermögen oder kriminelle Energie scheinen sich seit zwei Jahren wie eine Epidemie unter Finanzchefs ausgebreitet zu haben. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Skandal. Selbst der weltgrößte Internetbetreiber AOL musste gerade zugeben, 49 Millionen Dollar falsch gebucht zu haben. Aus Versehen, versteht sich. Als wäre die AOL-Finanzabteilung mit grünen Jungs besetzt. Zugegeben: Für den Medienriesen AOL-Time-Warner sind das Peanuts. Aber es geht ums Prinzip. Sind die Manager, so fragen sich Anleger, jetzt völlig durchgedreht? Gibt es keine Gesetze, Richtlinien und Vorschriften, die den Zahlenakrobaten in den Unternehmen Einhalt gebieten?

Die Antwort ist einfach: Es gibt sie. Mehr als genug sogar. In kaum einem anderen Bereich der Wirtschaft sind die Regularien so umfangreich wie in der Rechnungslegung von Unternehmen. Doch gibt es große Spielräume, vor allem bei der Bewertung von Firmenvermögen. Das nutzen Trickser aus – manchmal verlassen sie dabei Recht und Gesetz. Und die Erfahrung der letzten Monate lehrt, dass selbst die Waffen der einst hochgelobten Finanzkontrolleure in den USA stumpf sind, wenn kriminelle Energie und damit der Vorsatz, Anleger zu täuschen, regiert.

Der Telekommunikationskonzern Worldcom beispielsweise hat den einfachsten Trick, den es in der Buchführung gibt, benutzt: Aufwendungen (etwa für die Werbung neuer Kunden) wurden als Investitionen gebucht. Tatsächlich sind es ja Kosten. Statt mit weniger Gewinn, stand der Telefonkonzern – zunächst – sogar besser da. Wie gesagt: Der Trick ist alt, aber in diesem gigantischen Ausmaß bislang unbekannt.

Zahlenakrobatik ist kein Privileg der US-Firmen. Zumal die Grenzen zwischen Gesetzesbruch und kreativer Buchführung fließend sind. Selbst die schärfsten Vorschriften lassen großen Spielraum. Das Problem: Beim Bilanzieren von Firmendaten müssen immer wieder Bewertungen vorgenommen werden. Was sind die Vorräte im Lager wert, welches Vermögen steckt in Tochtergesellschaften, wie hoch muss das Risiko angesetzt werden, ausgelieferte Ware nicht bezahlt zu bekommen?

So steht die Deutsche Telekom in der Kritik, ihre Immobilien zu hoch bewertet und damit ihr Vermögen schöngerechnet zu haben. Um 2,5 Milliarden von 19 Milliarden Euro ist der Posten schon abgewertet worden. Trotzdem sagen Kritiker: Die Bewertung sei immer noch zu hoch.

Die Grenzen zwischen Bewertungsspielraum und bewusster Manipulation sind fließend. Das zeigen die Fälle in Deutschland. Der Reigen reicht von Comroad über EMTV bis zu Phenomedia. Natürlich ging es einigen Managern auch darum, sich persönlich zu bereichern. Zumeist stand aber im Vordergrund, schöne Bilanzen zu präsentieren und auf diesem Wege Investoren zu locken. Comroad, Hersteller von Navigationssystemen, trieb es auf die Spitze: Der für das Geschäftsjahr 2001 bilanzierte Umsatz von 93,6 Millionen Euro war heiße Luft. In Wahrheit machte das Unternehmen nur 1,3 Millionen Euro Umsatz. So ein Betrug, über Scheinrechnungen mit einer ebensolchen Scheinfirma in Hongkong ein blühendes Unternehmen vorzuspielen, ist aber schwer aus der Jahresbilanz herauszulesen.

Trotzdem sind Anleger nicht völlig den Zahlenspielereien ausgeliefert: In den Bilanzen gibt es einige Kennzahlen, die klare Signale geben, dass bei dem Kandidaten Vorsicht geboten ist. Wenn etwa die Bankschulden – zu finden unter den Verbindlichkeiten – achtzig oder neunzig Prozent der Finanzierung eines Unternehmens ausmachen, ist klar, dass es um die Solidität nicht gut bestellt ist. Der Gewinn wird wahrscheinlich von den Zinsen aufgefressen. Das kann sich auf Dauer nicht rechnen.

Ein anderes Beispiel: Die deutschen Banken stocken gerade ihre Rückstellungen massiv auf, weil sie befürchten, dass viele Kredite durch die Pleite der Kunden verloren gehen. Treffen sie diese Vorsorge nicht, drohen böse Überraschungen. Die Bankgesellschaft Berlin ist allerdings so hohe Risiken mit Immobiliengeschäften eingegangen, dass sie ohne Staatshilfe nicht mehr in der Lage gewesen wäre, Vorsorge zu treffen.

Auch beim Maschinenbauer Babcock Borsig kam die Insolvenz nicht ganz unvorbereitet. Aus der Bilanz war abzulesen, dass die Oberhausener Zentrale sich viel Geld bei ihren Töchtern ausgeliehen hatte. Weil jetzt die wichtigste, die Schiffswerft HDW in Kiel, verkauft wurde, müssen allein 500 Millionen Euro zurückgezahlt werden. Das schnelle Ende des Traditionskonzerns war besiegelt.

In den USA müssen Manager seit dieser Woche ausdrücklich beschwören, dass ihre Bilanzen korrekt sind. Winston Churchill würde trotzdem keine Aktien kaufen, heute vielleicht aber eine eigene Aktiengesellschaft gründen und Finanzchef werden.

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