• „Auf Biegen und Brechen – keinen Schritt zurück“ Franz Steinkühler über die Zulagen und die SPD

Wirtschaft : „Auf Biegen und Brechen – keinen Schritt zurück“ Franz Steinkühler über die Zulagen und die SPD

-

Herr Steinkühler, die badenwürttembergische Metallindustrie streitet über die Sonderregelungen, die Sie als Vorsitzender der Stuttgarter IG Metall vor 30 Jahren erstritten haben. Zu Recht?

Nein. Der Streit steht für den flächendeckenden Versuch der Arbeitgeber, ihre Profite auf Kosten der Arbeitnehmer am Fließband zu erhöhen.

Steht er nicht eher für den Versuch, Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten?

Das ganze Gesülze um den Standort Deutschland läuft nur auf eines hinaus: Die Arbeitnehmer sollen für ihre Arbeit weniger Geld bekommen. Das ist kurzsichtig, und das ist schändlich.

Die Steinkühler-Pause, die den DaimlerChrysler-Beschäftigten in Sindelfingen fünf Minuten bezahlte freie Zeit in der Stunde gibt, gibt es sonst nirgends. Die Arbeitgeber nennen diese tarifliche Vergünstigung die „baden-württembergische Krankheit“.

Wer einen Tarifvertrag eine Vergünstigung nennt, die uns gewährt wurde, fälscht die Geschichte: Diese Pause wurde nach drei Wochen Streik erkämpft. Damals war klar: Die Leute, die im Akkord arbeiten, werden über ihre Leistungsfähigkeit hinaus belastet. Und es war der Arbeitgeber, der keine individuellen Regelungen, sondern eine pauschale Lösung wollte.

Das ist Geschichte. Und heute?

Heute ist die Pause für die Beschäftigten im Leistungslohn oft die einzige Möglichkeit, nach einer Stunde Arbeit einmal aufzusehen. Den im Leistungslohn und am Fließband Arbeitenden die fünf Minuten pro Stunde zum Aufschnaufen nehmen zu wollen, halte ich für niederträchtig.

Und die Spätschichtzulage, wenn Arbeitnehmer mittags um zwölf anfangen zu arbeiten, ist auch noch zeitgemäß?

Schichtarbeit ist eine besondere Belastung der Arbeitnehmer, aber darüber redet heute niemand mehr. Die Schichtzulage gibt den Menschen einen Ausgleich für ihre besondere Belastung. Deshalb war und ist sie berechtigt.

Die Arbeitgeber sehen das anders.

Diese Herren wissen nicht, was sie tun. Wir hatten schon einmal eine historische Situation, in der die Arbeitgeber Arbeitnehmer und Gewerkschaften derart unter Druck gesetzt und erpresst haben. Das war in der Spätphase der Weimarer Republik. Und wir werden wieder in eine sehr gefährliche gesellschaftliche Situation geraten, wenn diese Angriffe nicht endlich aufhören.

Die IG Metall hat die Arbeitgeber im letzten Tarifvertrag dazu eingeladen, als sie einer Öffnungsklausel zustimmte.

Wer den Arbeitgebern den kleinen Finger gibt, muss mit vier Fingern weiterleben können, das hat die vergangene Tarifrunde gezeigt.

Die Öffnungsklausel war ein Fehler?

Ich fürchte, dass mit Siemens die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Und dass wir sie nun kaum wieder schließen können werden.

Die Bundesregierung hat diesen Abschluss gelobt.

Das, was die Arbeitgeber wollen, ändert diese Republik, und es ändert das gesellschaftliche Gefüge in diesem Land. Und die Regierungspolitik der SPD kann man beim besten Willen niemandem mehr erklären, der jeden Tag im Betrieb steht und zusehen muss, wie sich die anderen den Hals stopfen.

Haben Sie Verständnis für Ihre Kollegen, die eine Linkspartei gründen wollen?

Ja. Eine linke Bewegung wird zwar eine vorübergehende Erscheinung bleiben, sie kann aber nützlich sein, um eine soziale Alternative zur Politik dieser Bundesregierung zu entwickeln.

Was ist Ihre Antwort?

Ich habe leicht reden, denn ich stehe nicht mehr in der Verantwortung. Aber meine Antwort für die Arbeitnehmerbewegung wäre: Auf Biegen und Brechen – keinen Schritt mehr zurück.

Die Fragen stellte Ursula Weidenfeld.

Franz Steinkühler (67) war von 1986 bis 1993 IG-Metall-Vorsitzender. Zuvor hatte er die nun umstrittenen Zulagen ausgehandelt. Sein Amt musste er wegen Aktiengeschäften aufgeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar