Wirtschaft : "Auf Dauer gibt es keine Alternative zur Aktie"

IM INTERVIEW - Aktien langfristig halten / Beratungshaftung mindestens fünf Jahre / Keine steuerliche Förderung

TAGESSPIEGEL: Noch ist es für eine Entwarnung an den internationalen Börsen zu früh.Der deutsche Anleger steht ganz unter dem Eindruck der letzten Tage.War der Einbruch an den Börsen wirklich nur eine Bereinigung des extrem hohen Kursniveaus oder war er nicht auch Ausdruck der Schwäche der deutschen Wirtschaft? LAMBSDORFF: Nein.Die Daten in Amerika und Europa sind gut, Zinsen und Inflation niedrig, das Wachstum ist passabel, und die Firmen verdienen gut.Im übrigen sollte man nicht den Eindruck aufkommen lassen, wir hätten einen Börsencrash erlebt.Vor zehn Jahren ging es ganz anders nach unten.Das war ein Crash. TAGESSPIEGEL: Trotzdem noch einmal die Frage: In den USA werden die Deutschen zusammen mit Japan und anderen im internationalen Vergleich inzwischen zu den Absteigern auf der Erfolgsleiter gezählt.Die Gründe sind bekannt: politischer Stillstand, Reformunfähigkeit, Bürokratie und Besitzstandsdenken.Teilen Sie die Meinung? LAMBSDORFF: So schlecht, wie Sie das skizzieren, ist das Ansehen der Deutschen wohl nicht.Die Kritik einzelner, wie etwa die von John Kornblum, ist natürlich nichts Neues.Und sicher wird niemand bestreiten, daß die Wirtschaft besser dastehen würden, wenn wir die Steuerreform nach unseren Vorstellungen realisiert hätten. TAGESSPIEGEL: Die hohe Arbeitslosigkeit macht immer wieder einen Strich durch die Rechnung.Regierung und Wirtschaftsinstitute sagen ganz passable Wachstumsraten für 1998 voraus, aber am Arbeitsmarkt geht es weiter bergab.Das verunsichert die Kapitalmärkte und damit auch immer wieder die Anleger.Wie lange kann das gutgehen? LAMBSDORFF: Es geht nicht gut.Wir sehen es doch.Die Wirtschaft nimmt Schaden.Und man muß es noch klarer sagen: Wir haben es nicht geschafft, die Arbeitslosigkeit so zu reduzieren wie es möglich gewesen wäre.Das ist fatal.Arbeitslose zahlen weder Steuern noch Sozialversicherungsbeiträge. TAGESSPIEGEL: Die Kleinanleger in Deutschland erleben unruhige Zeiten.Der Kurseinbruch hat einmal mehr klar gemacht, daß die Aktie als Sparform einem hohen Risiko ausgesetzt ist.Gleichzeitig wird ihnen geraten, bei unsicherer Rentenzukunft finanzielle Polster für das Alter anzulegen.Ist der Kleinanleger nicht besser beraten, in sichere Staatspapiere, Fonds oder Lebensversicherungen zu investieren? LAMBSDORFF: Ich finde, daß sich der Kleinanleger ausgesprochen ruhig verhalten hat.Wenn André Kostolany erklärt hat, es hätte an den Börsen zu viele zittrige Hände gegeben, kann ich nur sagen: Es waren die Großen, die Investmentfonds, die Kapitalsammelstellen, die zittrige Hände hatten, sonst keiner.Die Kleinanleger wissen doch genau: Langfristig gibt es zur Aktie keine bessere Alternative. TAGESSPIEGEL: Kann sich der Anleger überhaupt gegen Kurseinbrüche schützen? Können Gesetze Schutz bieten? LAMBSDORFF: Das wäre falsch.Es gibt keinen Schutz vor der Aktie als Risikopapier.Das muß man schon zur Kenntnis nehmen.An der Börse sind die Spielregeln eindeutig; hier herrscht das Gesetz von Angebot und Nachfrage. TAGESSPIEGEL: Gleichwohl bemüht sich die Bundesregierung mit dem dritten Finanzmarktförderungsgesetz darum, die Anleger zu schützen, oder? LAMBSDORFF: Es geht hier unter anderem um unzureichende Prospekthaftung.Natürlich muß man auch etwas gegen überzogene Emissionspreise unternehmen.Vor allem aber ist es ein schwerer Fehler, daß die Bundesregierung beim dritten Finanzmarktförderungsgesetz die Haftung für die Beratung auf drei Jahre begrenzen will.Ich halte mindestens fünf bis sechs Jahre für nötig. TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von der Idee der Volksaktie? Sind Papiere wie Telekom oder Lufthansa ein geeignetes Vehikel, um das Volksvermögen auf eine breitere Basis zu stellen? LAMBSDORFF: Die Volksaktie ist ein Begriff aus den 50er Jahren.Damals kamen VW und Preussag an die Börse.In der Tat halte ich es für vernünftig, wenn man heute durch Rabatte und Ähnliches dem Kleinanleger den Kauf von Aktien schmackhaft macht.Im übrigen hilft das der Aktie, ist gut für die Firmen und nicht zuletzt für die Altersversorgung. TAGESSPIEGEL: Der Euro kommt.Was raten Sie den Sparern mit Blick auf die neue Einheitswährung? Soll er warten und mit seinem Geld nur kurzfristige Verpflichtungen eingehen, oder soll er auf die Stärke der europäischen Währung vertrauen und sich langfristig festlegen? LAMBSDORFF: Es wäre unsinnig, sich jetzt verunsichern zu lassen.Wer Aktien empfiehlt, und das tue ich, kann von kurzfristigen Engagements nur abraten.Aktien sind langfristige Anlagen. TAGESSPIEGEL: Die Menschen in den neuen Ländern verdienen teilweise weniger, haben weniger auf dem Sparbuch und sind ungeübter im Umgang mit Wertpapieren.Was raten Sie? LAMBSDORFF: Es ist wahrscheinlich, daß es Unterschiede gibt.Natürlich haben wir in Ost wie West dieselbe Wirtschaftsordnung.So gesehen, dürfte sich das Anlageverhalten nicht unterscheiden.Eines aber ist auch klar: Wo die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent liegt, bleibt nicht viel für Vermögensbildung am Aktienmarkt. TAGESSPIEGEL: Auch in den alten Ländern ist das Anlageverhalten allerdings ungewöhnlich passiv.Sehr viele Menschen bevorzugen immer noch das unattraktive Sparbuch.Wie erklären Sie sich das? Hat die Politik womöglich versäumt, hier besser aufzuklären? LAMBSDORFF: Die Politik ist nicht für alles verantwortlich.Vielmehr haben wir uns seit den 50er Jahren darum bemüht, die Aktie attraktiver zu machen.Das Anlageverhalten aber hat sich wenig verändert.Das muß man zugeben.Das ist ein altes deutsches Leid.Und wenn Sie mich fragen, was man nun noch tun kann, muß ich sagen: Ich bin gegen eine steuerliche Förderung der Aktie, wohl aber für einen besseren Anlegerschutz. TAGESSPIEGEL: Wieviel haben Sie persönlich in Aktien angelegt? Welche Papiere empfehlen Sie? LAMBSDORFF: Darum kümmert sich meine Bank.Aber ich bin ein konservativer Anleger, was sich im Alter von 70 Jahren auch empfiehlt.40 Prozent meines Portfeuilles lege ich in Aktien an.

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