Wirtschaft : Auf dem Weg nach Tokio

Die Berliner Schuhfirma Trippen setzt mit Erfolg auf Handarbeit in Deutschland

Stefan Kaiser

Zehdenick - Maria Wilhelm macht die Endkontrolle. Alle Schuhe müssen durch ihre Hände. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Annette May schneidet sie die letzten Fusseln von den Nähten, klebt offene Stellen und poliert jedes Paar Schuhe blank. Eigentlich gehören die beiden nicht hierher in die Fabrik im brandenburgischen Zehdenick. Normalerweise sitzen sie an ihren Schreibtischen in der Zentrale der Firma Trippen in Berlin. Wilhelm leitet die Buchhaltung, May ist für den Export verantwortlich. Doch jetzt, wo die Produktion auf Hochtouren läuft und täglich 300 Paar Schuhe die Fabrik verlassen, müssen eben auch die Büroleute mit anpacken. Bis Januar muss die Sommer-Kollektion fertig sein. Dann soll sie die Schuhläden der Metropolen erobern. Von Tokio bis Reykjavik. In 35 Ländern.

„Wir haben hier absolute Hochsaison“, erklärt Michael Oehler. Der 46-Jährige ist einer der beiden Geschäftsführer der Firma Trippen. Er ist vor allem für die Produktion zuständig. Drei mal pro Woche fährt er morgens um sechs aus Berlin nach Zehdenick. Oehler hat keine Zeit zu verlieren. Der Mann mit dem Fünf-Tage-Bart saust im Laufschritt durch die Halle, in der zu DDR-Zeiten die Kantine einer Computerfabrik untergebracht war. Am Nachmittag will er zurück in Berlin sein. Gegen seine Hektik mutet die Atmosphäre in der Fabrik nostalgisch an. Die Mitarbeiter ziehen das Band von Hand weiter. „Sie mögen es nicht, wenn es automatisch läuft“, erklärt Oehler.

50 Leute arbeiten hier, die meisten davon sind Frauen. „Alles Leute aus der Region“, sagt Oehler. Viele seien Russlanddeutsche. Mit denen habe man gute Erfahrungen gemacht. Sie stanzen das Leder, nähen die einzelnen Teile zusammen und fädeln die Schnürsenkel ein – sofern es bei Trippen-Schuhen welche gibt.

„Das ist Arbeit, von der man sagt, dass man sie in Deutschland nicht mehr machen kann“, sagt Oehler. Trippen macht sie trotzdem – mit Erfolg. 120 000 Paar Schuhe verkauft die Firma pro Jahr und setzt damit knapp zehn Millionen Euro um. Lange war Japan der mit Abstand wichtigste Markt. Dort betreibt Trippen noch immer sechs eigene Läden. Mittlerweile ist die Nachfrage in Taiwan aber noch größer. Dort sind die Schuhe vor allem bei jungen Frauen zwischen 18 und 25 begehrt.

„Wir machen Schuhe für Individualisten“, sagt Angela Spieth, Oehlers Co-Geschäftsführerin. Sie seien vor allem „sau bequem“. Außerdem hebt das Design Trippen-Produkte von denen anderer Firmen ab: Ungewöhnliche Farben und Formen, mal verspielt, mal im klobigen Öko-Look, nie schlicht. Die Individualität hat ihren Preis – zwischen 180 und 350 Euro. Trotzdem laufen auch die vier Trippen-Läden in Berlin gut. Hier seien die meisten Kunden allerdings etwas älter – „zwischen 35 und 65“, erklärt Spieth.

In Asien hat der Erfolg der Schuhe mittlerweile Produktpiraten angespornt. Die besten Kopien sammelt Angela Spieth in der Trippen-Zentrale, im vierten Stock einer Fabriketage in Treptow. Aus dem Regal nimmt sie ein paar Schuhe, die den Originalen im Ausstellungsraum nebenan täuschend ähnlich sehen. „Aus China“, sagt sie. „Die haben sogar das Etikett kopiert.“

In Treptow werden alle Schuhe nochmals geprüft, bevor sie in die Welt gehen – nicht nur die aus der Produktion in Zehdenick, auch die aus Italien. Dort werden zwei der insgesamt neun Trippen-Kollektionen gefertigt. Insgesamt nähen und schneiden dort gut 100 Leute für Trippen. Meist sind es kleine Gruppen von Senioren – viele arbeiten zu Hause. Die Beziehungen sind fast familiär. Spieth verbringt die größte Zeit des Jahres jenseits der Alpen. „In Deutschland ist die Schuhindustrie vor 20 Jahren ausgestorben, in Italien tut sie es gerade“, sagt sie.

Als sich Spieth und Oehler vor 16 Jahren zum ersten Mal in Berlin trafen, wollten sie alles anders machen. Oehler der gelernte Schumachermeister, hatte bis dahin in seiner Kreuzberger Hinterhofwerkstatt Unikate gebastelt. Spieth, die studierte Bekleidungsdesignerin, entwarf Modelle für eine mittelständische Schuhfabrik im Odenwald. Nun suchten sie gemeinsam nach einem Weg zwischen Massenmarkt und Eigenbrödlerdasein. Im Dezember 1994 gründeten sie Trippen. Den Namen hatten sie aus einem Ausstellungskatalog über historische Fußbekleidung: Er bezeichnet hölzerne Unterschuhe aus dem Mittelalter.

„Wir wollten es unseren ehemaligen Auftraggebern und Kunden zeigen“, erinnert sich Michael Oehler. Sich gegen die Mechanismen der Schuhindustrie stellen. Das funktioniert heute nicht mehr. „Wir sind etabliert“, seufzt Oehler, „daran muss ich mich erst gewöhnen.“

Ganz normal geht es bei Trippen immer noch nicht zu. Wo andere Firmen ein Heer von Designern beschäftigen, sind Angela Spieth und Michael Oehler weitgehend auf sich gestellt. Mitte Januar beginnen sie, die nächste Winterkollektion zu entwerfen. „Dann bleiben uns nur vier Wochen Zeit“, sagt Spieth. „Wahnsinn“ sei das – aber auch ein Geheimnis ihres Erfolges. „Wenn wir die Entwicklung nicht fast alleine machen würden, könnten wir in Deutschland nicht überleben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben