Wirtschaft : AUF DEM WEG ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION

ROBERT RIMSCHA

WASHINGTON .15 bis 20 Prozent seines Geldes solle der kluge Amerikaner in Europa anlegen, empfiehlt die aktuelle US-Ausgabe von "Newsweek".Der Grund? Der Euro.Daß der kommt, ist gewiß.Daß er in den USA ernstgenommen wird, ist neu.Daß er als Chance gesehen wird, ist sehr neu.

Wenn in Amerika über die Kapitalmärkte dieser Welt gesprochen wird, stehen seit eineinhalb Jahren die Asienkrise und seit diesem Sommer die Labilität der Wall Street im Vordergrund.Der Euro ist weiter ein Fachthema.Eher im Stillen vollzieht sich der Lernprozeß.Seit ein paar Monaten veranstaltet das US-Handelsministerium Tagungen im ganzen Land, bei denen dem örtlichen Mittelstand erklärt wird, wie man sich auf den Umgang mit Euroland einzustellen habe.Die Nachhilfe ist sehr praktischer Natur.US-amerikanische Unternehmer fragen vor allem nach Fristen für die Euro-Einführung, nach Zeiträumen für die parallele Benutzung von Altwährung und Euro, nach den Aussichten für die Stabilität der neuen Europa-Währung.

Daß der Euro ausgerechnet zu einer Zeit geboren wird, da in den USA Rezessionsängste um sich greifen, stärkt die Attraktivität der Alternative Europa.Eine durchschnittliche Kapitalverzinsung von zehn bis 15 Prozent sagt der Chefvolkswirt von "Alliance Capital Management" in New York, Lawrence Kreicher, für europäische Aktien voraus, und das fünf Jahre lang - die Prognose für die USA liegt deutlich darunter."Ich fühle mich mit europäischen Aktien sicherer", sagt auch Diego Espinosa, der einen Fonds für internationale Blue Chips führt."Wir können zehn Jahre lang mit wachsenden Profiten rechnen, und die stammen vor allem aus der Kostensenkung", glaubt Espinosa.

Daß die Weltwirtschaft in den nächsten Jahren spürbar wächst, glaubt kaum jemand.Das heißt aber auch, daß Gewinne nicht mehr aus expandierendem Absatz, sondern vor allem aus reduzierten Ausgaben kommen werden.In den Vereinigten Staaten sind die Spielräume für die Kostensenkung nach zwei Jahrzehnten Strukturanpassung gering.In Europa sieht dies anders aus.Der Euro wird von immer mehr Anlegern in den USA als das Ticket in den derzeit sichersten Welt-Finanzmarkt verstanden.

Amerika erwartet von der Euro-Einführung eine faktische Garantie gegen Inflationstendenzen in der alten Welt und mittelfristig eine umfassende Umstrukturierung fast aller Dienstleistungs- und Konsumgütersektoren.In New York hofft man zugleich, daß nationalstaatliche Schutzsubventionen für "eigene" Unternehmen obsolet werden, wenn im ganzen Kontinent die Branchen reorganisiert werden.In der Luftfahrtindustrie beispielsweise erhofft sich Amerika vom Euro einen kräftigen Schub hin zu stärker deregulierten Verhältnissen - und dann einen schärferen Wettbewerb mit deutlich weniger Konkurrenten.

Die Aktienmärkte in Euroland haben eine Gesamtkapitalisierung von 2,4 Billionen Dollar.In den USA sind es 6,7 Billionen, und dies bei annähernd gleicher Bevölkerung, Produktion und Anteilen am Welthandel.Für Finanzdienstleister ist Europa nichts weiter als ein unterversorgter Markt.Auch hier erwartet die Wall Street, daß der Euro zum Passierschein hinein in einen lukrativen Wachstumsmarkt wird.

Im "Institute for International Economics" in Washington hofft man, daß vom Euro her Druck auf die Nationalregierungen kommen wird, zu privatisieren, zu deregulieren und Steuern zu senken."Newsweek" zieht ebenfalls ein optimistisches Fazit.Die letzten 15 Jahre habe die Wall Street "die Welt beherrscht.Falls Europa sich umstrukturiert, ist es an der Reihe".Steve Clemons, Vizepräsident des "Economic Strategy Institute" in Washington, zählt sich auch zu den Optimisten: "Der Euro wird stärker, als viele lange erwartet haben, und er wird es schneller sein, als viele heute noch glauben." Clemons sagte dem Tagesspiegel: "Kurzfristig wird es sicher Schmerzen geben, aber langfristig stärkt der Euro Europas Effizienz und Produktivität." Doch nicht alle in den USA sind hoffnungsvoll."Wir sind hinsichtlich der Anpassungsgeschwindigkeit in Europa viel zu optimistisch", warnt David Bowers, Europa-Stratege für Merrill Lynch in London.

In Amerika, wo alle Politik noch lokaler ist als im Sprichwort, hat Senator Pete Domenici, ein Republikaner aus New Mexico und Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Senates, gerade erklärt, warum sich auch die US-Politik mehr und mehr um den Euro kümmert."Warum hat ein Bundesstaat weit draußen im Westen zwei Senatoren, die sich für den Euro interessieren? Weil unsere Exportmärkte in Asien darniederliegen und wir aufmerksam nach Europa blicken." Domenici zählt auch zu jenen, die sich bereits Gedanken über den Effekt des Euro auf die USA gemacht haben."Wenn weltweit Kapital nach Europa fließt und Amerika dadurch einen kleinen Schubs bekommt, die private Sparquote zu erhöhen, wäre dies keine schlechte Sache."

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