Wirtschaft : Auf der Couchgarnitur mit Jägermeister und Reiseführer

Die Werbeagentur Jung von Matt richtet das deutsche Wohnzimmer ein, um dem Durchschnittskunden näher zu kommen

Flora Wisdorff

Sabine und Thomas Müller haben es gemütlich zu Hause. Die hellbraune Couchgarnitur lädt geradezu dazu ein, es sich bequem zu machen - die Wolldecke liegt auf der Couchlehne schon bereit. In der hellen Schrankwand steht ein Fernseher mit DVD–Rekorder, neben der Couch das Regal mit den CD’s. Sabine hat das Wohnzimmer in warmen, mediterranen Farbtönen eingerichtet. Auf dem Glastisch neben dem Sofa warten Fernsehzeitschrift und Regionalzeitung auf Lektüre.

Thomas (41) und Sabine (38) wohnen mit ihrem elfjährigen Sohn Alexander in Deutschlands häufigstem Wohnzimmer – so definieren es diejenigen, die das Wohnzimmer erfunden haben: die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Warum? Um den Konsumenten besser kennen zu lernen, so Karin Heumann, Geschäftsführerin bei Jung von Matt und Initiatorin des Wohnzimmerprojekts. „Wir müssen herausfinden: Wie geht es denen, und was wollen die“, sagt Heumann. Das Zimmer wurde per Marktforschung, Statistik und direkt vor Ort bei „Durchschnittsbürgern“ recherchiert. Sabine ist Deutschlands häufigster Frauenname, in der Hausbar stehen Durchschnittsgetränke (Baileys und Jägermeister), das Dutzend Bücher in der Schrankwand (die meisten Deutschen lesen nicht) setzt sich aus Reader’s Digest, einem Mallorca-Reiseführer und seichten Bestsellern wie von Uta Danella zusammen – falls Sabine am Strand dann doch mal ein Buch lesen möchte. Kein Detail wurde dem Zufall überlassen, selbst die Größe nicht: Das Zimmer ist 22 Quadratmeter groß und Teil einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit insgesamt 89,4 Quadratmetern – der deutsche Durchschnitt bei der Wohnfläche.

Konferenz im „Wozikonfi“

Das Zimmer liegt im dritten Stock der schicken Werbeagentur in Hamburg und kann von den Mitarbeitern als Konferenzraum gebucht werden. „Wozikonfi“ wird das Mittelmaß-Wohnzimmer dort genannt. Laut Heumann ein Erfolg – das Zimmer sei ständig ausgebucht. Dass die Kreativen sich in dem gemütlichen Zimmer versammeln können und vielleicht sogar besonders gute Ideen haben, um den deutschen Durchschnittsbürger mit ihrer Werbung anzusprechen, ist aber eher einer Nebeneffekt. „Das Wohnzimmer muss laufend auf dem neuesten Stand gehalten werden. Für unsere Mitarbeiter ist das eine permanente Übung“, sagt Karin Heumann. „So bleiben sie ständig neugierig und machen sich Gedanken, eine Art ,Fitnessraum’ für die Planer.“ Denn die müssten ständig auf Ballhöhe bleiben mit dem, was draußen in der Warenwelt passiert. Das Wohnzimmer spiele dabei eine ganz besondere Rolle – denn es sei ja, im Vergleich zum Schlafzimmer oder dem Bad „semiöffentlich“, und „spreche zu anderen“.

Bei der Konkurrenz findet man das häufigste Wohnzimmer der Hamburger Werber „originell“. „Das Ziel ist goldrichtig“, sagt Sebastian Turner, Chef der Berliner Werbeagentur Scholz & Friends. Denn als Werber müsse man „so nah wie möglich an die Zielgruppe herankommen“. Das Standardwohnzimmer sei ein Weg. Bei Scholz&Friends will man die Idee allerdings nicht umgehend kopieren – ein bisschen Kritik muss beim Wettbewerber sein. „Wir haben das Glück, dass wir von unseren Büros aus direkt in mehrere solcher Wohnzimmer gucken können, weil die Büros im Hinterhaus eines Berliner Mietshauses liegen“. Dieser Platz sei bewusst gewählt worden. Denn: Wichtig sei der direkte Kontakt mit den Menschen. „Eine Schrankwand kann mir lange nicht soviel erzählen wie ein Mensch“, sagt Turner.

Bei Jung von Matt ist das häufigste Wohnzimmer nur ein Anfang. Heumann will ihre Mitarbeiter weitere Zimmer ausstatten lassen. Das nächste soll allerdings von etwas etablierteren, wohlhabenderen Menschen als den Müllers bewohnt werden – mit mehr Kaufkraft, versteht sich. Und in der Berliner Filiale soll demnächst ein türkisches Wohnzimmer entstehen.

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