Wirtschaft : Auf der Leitung

Die Telekom will Internettarife verteuern. Netzaktivisten sehen das skeptisch.

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Unterstützung verweigert. Die Ankündigung der Telekom, das Datenvolumen bei Neuverträgen begrenzen zu wollen, hat einen „Shitstorm“ im Netz ausgelöst. Foto: dpa
Unterstützung verweigert. Die Ankündigung der Telekom, das Datenvolumen bei Neuverträgen begrenzen zu wollen, hat einen...Foto: dpa/dpaweb

Berlin - Kai Ser ist aufgebracht „Strategisch gesehen genau der falsche Weg!!!“, kommentiert er auf der Facebook-Seite die neuen Onlinetarife der Deutschen Telekom. „Ich kann nicht mit immer höheren Bandbreiten prahlen und dann das Datenvolumen begrenzen!“ Was sich seit Bekanntgabe der neuen Preise am Montagabend auf der Telekom-Seite im sozialen Netzwerk abspielt, lässt sich wohl als „Shitstorm“ bezeichnen. Zu Hunderten äußern die Nutzer ihren Unmut – und nicht immer bleiben sie dabei sachlich.

Die Telekom zeigt sich wenig überrascht. „Dass es teilweise heftige Reaktionen im Netz geben würde, hatten wir erwartet“, sagt Sprecher Philipp Blank. Doch die derzeitige Marktentwicklung lasse dem Unternehmen keine andere Möglichkeit. „Immer höhere Bandbreiten lassen sich nicht mit immer niedrigeren Preisen finanzieren“, sagt der Sprecher weiter. Die Konsequenz der Telekom: Ab Mai bekommen Internet-Neukunden statt der bislang üblichen Flatrate einen Volumentarif. Das heißt, sie können nicht mehr nahezu unbegrenzt im Internet surfen, Dateien herunterladen, Filme anschauen oder Musik hören. Ab einer Datenmenge von 75 Gigabyte ist für den Einsteiger Schluss. Wer mehr Daten aus dem Netz saugt, tut das für den Rest des Monats im Schneckentempo – oder er bucht kostenpflichtig Kapazität zu. „Wir gehen bisher davon aus, dass wir die Limitierung technisch nicht vor 2016 umsetzen“, sagt die Telekom.

Was der Endkunde für die reglementierte Datenmenge bei hoher Geschwindigkeit dann bekommt, bewerten der Konzern und seine Kritiker unterschiedlich. Das Volumen reiche aus für zehn Filme in normaler Auflösung und drei Filme in HD-Qualität, rechnet die Telekom vor. Zusätzlich könne der Kunde 60 Stunden Internetradio hören und 16 Stunden online spielen. Derzeit verbrauche der Durchschnittsnutzer lediglich zwischen 15 und 20 Gigabyte im Monat.

Der günstigste Tarif erlaube es gerade mal, jeden dritten Tag einen Spielfilm in HD-Qualität zu schauen, sagt Markus Beckedahl, Blogger und Vorsitzender von Digitale Gesellschaft. „Dann muss man Geld nachwerfen.“ Sein Verein setzt sich für Bürgerrechte und Verbraucherschutz im Netz ein. In seinen Augen sind die Pläne der Telekom nicht zeitgemäß. Bei einer Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern, die auch Videodienste wie Youtube nutzten und Musik über Streamingdienste hörten, seien 75 Gigabyte nicht ausreichend.

Doch die Volumenbeschränkung ist nicht das Einzige, was die Netzaktivisten stört. „Die Telekom beginnt nicht nur mit dem Ausstieg aus der Flatrate. Sie beginnt mit dem Ausstieg aus der Netzneutralität“, sagt Beckedahl. Bereits vor Jahren habe die Telekom im Mobilfunk angefangen, einzelne Dienste aus dem Gesamtpaket herauszulösen, um damit mehr Geld zu verdienen. Dasselbe geschehe nun im Festnetz mit den Videodiensten. Durch die Drosselung sollten Kunden „gezwungen“ werden, Zusatzdienste zu buchen. Separat angebotene TV-Angebote der Telekom sollen nämlich von der Volumenbegrenzung ausgenommen sein. Angebote anderer Anbieter, zum Beispiel von Videoverleihdiensten, hingegen nicht. Das sei eine klare Benachteiligung und ein Verstoß gegen die Netzneutralität. Diese gewährleistet bislang, dass es keine schnellere Beförderung von bestimmten Daten gibt.

Die Telekom widerspricht. Fernsehen sei ebenso wie Internet-Telefonie schon heute ein gesonderter Service, der vom Kunden bezahlt werde. Alle anderen Internetdienste – auch die der Telekom – würden gleichberechtigt behandelt. Bei der Bundesnetzagentur gibt man sich zurückhaltend. Einen Angriff auf die Netzneutralität könne die Behörde nicht erkennen, sagt ein Sprecher. Konkrete Beschwerden von Wettbewerbern sind bei der Behörde bislang nicht eingegangen. Die Konkurrenz schaut sich zunächst an, wie die Telekom mit ihrem Modell durchkommt. Vodafone etwa teilte mit, es gebe keine Pläne für eine Drosselung.

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