Wirtschaft : Auf der Stelle

Bei den Dax-Konzernen sinkt die Bereitschaft, Lehrlinge auszubilden – die SPD will notfalls nachhelfen

Dieter Fockenbrock,Corinna Visser

Von Dieter Fockenbrock

und Corinna Visser

Die meisten der großen deutschen Dax-Konzerne reduzieren ihre Ausbildungsplätze. Das ergab eine Umfrage des Tagesspiegel am Sonntag. Nicht nur die Konjunktur, sondern auch die Debatte um eine Ausbildungsabgabe hält nach Meinung der Arbeitgeberverbände die Unternehmen davon ab, Lehrstellen bereitzustellen. Und auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ist gegen eine Abgabe, die von Teilen der Gewerkschaften gefordert wird. „Wir sollten jetzt nicht über Mittel diskutieren, sondern alles unternehmen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen, allen Jugendlichen, die wollen, einen Ausbildungsplatz anzubieten“, sagte die Ministerin dem Tagesspiegel am Sonntag.

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Klaus Brandner, sieht in einer Zwangsabgabe für ausbildungsunwille Betriebe nur das „allerletzte Mittel“. „Wenn wir im Herbst jedoch keine andere Wahl haben, als die Unternehmen zu ihrer Verantwortung zu drängen, dann muss der Gesetzgeber aktiv werden.“

Gegenüber dem Tagesspiegel schlug Brandner die Einrichtung eines Ausbildungsfonds durch die Industrie selbst vor. Damit könnte die Versorgung mit ausreichend Lehrstellen ohne staatliches Eingreifen und ohne Bürokratie sichergestellt werden. Ein solcher Fonds müsse von den Kammern aufgelegt, verwaltet und organisiert werden. Unternehmen, die keine Möglichkeiten haben, weitere Lehrstellen anzubieten, zahlen in diesen Fonds ein und finanzieren so Ausbildungsplätze in anderen Betrieben. Vorbild könnte das niedersächsische Modell der Metallarbeitgeber sein, meint Brandner. Dieser Fonds sei mit einer Million Euro dotiert und werde von 250 Firmen gestützt. „Sollten wir dennoch im Herbst eine gesetzliche Regelung beschließen müssen, werden wir solche freiwilligen Regelungen berücksichtigen“, versichert der SPD-Politiker.

Es gibt noch andere Modelle: Siemens beispielsweise bildet rund 3000 Lehrlinge für andere Firmen aus – unter anderem für die Deutsche Bahn und Schering. Die Chemiekonzerne Bayer und BASF sowie der Stromversorger RWE legen Wert auf die Feststellung, dass sie „über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden.“ Rund 20 bis 30 Prozent der Auszubildenden dieser Unternehmen wechseln später in andere Firmen. Bei Bayer heißt es allerdings auch, dass das Lehrstellenangebot derzeit ein „Kompromiss zwischen dem wirtschaftlich Machbaren und dem gesellschaftspolitisch Wünschenswerten“ sei. Das dürfte für viele Konzerne zutreffen.

Die Bildungsministerin warnt die Unternehmen, dass schon in wenigen Jahren ein Mangel an Facharbeitern drohe, wenn jetzt nicht genügend ausgebildet werde. „Wer heute nicht ausbildet, sägt sich selbst den Ast ab, auf dem er sitzt“, sagte sie weiter. Die Unternehmen dürften sich nicht darauf verlassen, dass andere Betriebe über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden.

Radikal eingeschränkt hat zwar kaum einer der Konzerne sein Lehrstellenangebot. Doch legen auch die größten privatwirtschaftlichen Ausbilder nicht mehr zu. Siemens bietet mit 12 000 die meisten Lehrstellen – auch gemessen an der Mitarbeiterzahl im Inland können sich die Münchener sehen lassen. Dichtauf folgen die Deutsche Telekom auf Platz zwei der Ausbildungshitliste mit 11 000 Plätzen und Daimler-Chrysler mit 8900 Stellen.

Die Banken können zwar recht hohe Ausbildungsquoten vorweisen, wegen der Branchenkrise haben sie aber vorerst den Rückwärtsgang eingelegt. Die Hypo-Vereinsbank kündigte immerhin gerade an, im nächsten Jahr ihr Lehrstellenangebot von 300 auf 500 wieder aufzustocken. Die Deutsche Bank hat im Zuge des Konzernumbaus kräftig abgespeckt. Statt 900 werden in diesem Jahr nur 620 Ausbildungsstellen angeboten.

In diesem Jahr hilft das allerdings nichts. Gewerkschaften befürchten, dass bis zu 130 000 Lehrstellen fehlen könnten. Laut IG Metall gibt es allein in der Metall- und Elektroindustrie in diesem Jahr 100 000 Stellen weniger. Arbeitgeberverbände sehen die Lücke eher bei 20 000 bis 30 000. Die Bildungsministerin verweist dagegen auf Daten der Arbeitsverwaltung – danach werden im Vergleich zum Vorjahr zurzeit rund 51 000 Lehrstellen weniger angeboten. Dieser Rückgang bereite ihr „große Sorge“, zumal vor allem im Westen deutlich weniger ausgebildet werden soll. Das sei eine „ernste Situation“. Bulmahn ist aber zuversichtlich für den Erfolg der gerade angelaufenen Ausbildungsplatzoffensive.

Einige Konzerne haben längst ihre eigene Offensive gestartet. Der Automobilhersteller BMW etwa stockt die Gesamtzahl der Lehrstellen zwischen 2001 und 2004 um 470 auf. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp hat jüngst 15 zusätzliche Stellen angeboten. Der Konzernchef wolle ein Zeichen setzen, sagte ein Sprecher. Die Post hat in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben die Zahl ihrer Arbeitsplätze in 200er-Schritten erhöht, aber jetzt festgestellt, dass mit 5700 Lehrstellen die Kapazitätsgrenze erreicht ist. In diesem Jahr beginnen daher nur noch 2500 statt wie bisher 2700 junge Menschen ihre Ausbildung bei dem Logistikkonzern.

Auszubildende der Telekom, denen nach dem Ende der Lehre keine adäquate Stelle angeboten werden kann, werden zunächst in der Telekom-internen Personal Service Agentur untergebracht. Dort haben sie zwölf Monate Zeit, eine Stelle im Konzern zu finden.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln glaubt, dass nicht nur der Konjunktureinbruch verantwortlich ist für den Rückzug aus der Ausbildung. Dirk Werner vom IW hält auch die Diskussion um eine Ausbildungsplatzabgabe für kontraproduktiv. „Die Unsicherheit ist groß, ob die Abgabe kommt und wie sie aussieht. Daher warten die Betriebe erst einmal ab“, sagt Werner. Unklar sei, ob alle Betriebe, die ausbilden, künftig von der Abgabe profitieren oder nur die, die im kommenden Jahr mehr ausbilden als zuvor. Dann nämlich lohne es sich erst im kommenden Jahr, die Ausbildungsplätze aufzustocken. Unklar sei zudem, was den Betrieben drohe, die Lehrstellen anbieten, aber keine Azubis finden. Werner: „Wie findet hier der Ausgleich statt, wenn alle Jugendlichen nur noch Mediengestalter werden wollen?“

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