Wirtschaft : Auf der Suche nach Pünktlichkeitsmanagern

DÜSSELDORF (kap/HB)."Das Problem der Bahn ist, daß inzwischen statt der Wünsche der Reisenden selbstverschuldete Ressourcenknappheit die Leistungen bestimmt", meint Norbert Hansen, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschland (GdED), im Gespräch mit dem Handelsblatt.Er fordert, daß die Deutsche Bahn AG möglichst bald ihre Planung umstellt und ihr Angebot stärker an der Nachfrage der Kunden ausrichtet.Eine der Hauptursachen für die zunehmenden Pannen und Verspätungen sieht der Gewerkschafter in dem Personalabbau der letzten Jahre.Seit 1994 sind nach Angaben der GdED über 80 000 Arbeitsplätze abgebaut worden.Den geplanten Wegfall von bis zu 18 500 weiteren Stellen im kommenden Jahr hält Hansen für viel zu hoch.Er kritisiert außerdem, daß im Nahverkehr Züge und Bahnhöfe in oft miserablem Zustand seien.

Das Sofortprogramm der Bahn, das von deren Aufsichtsrat in der vergangenen Woche vorgestellt wurde, enthält nach Hansens Meinung zwar die richtigen Maßnahmen.Diese hingen jedoch zumeist davon ab, daß mehr Personal eingesetzt werden muß.Mit dem Programm sollen vor allem die Verspätungen im Schienenverkehr verringert und der Service verbessert werden.Die Bahn will dazu unter anderem 150 Stellen für Pünktlichkeitsmanager schaffen, die laut Hansen den Eisenbahnbetrieb sehr gut kennen müssen: "Solche Leute hat die Bahn gerade nicht übrig.Für eine schnelle Lösung müßte man dieses Personal an Stellen abziehen, wo es auch dringend benötigt wird", meint er.Neu eingestellte Pünktlichkeitsmanager müßten mehrere Monate geschult werden, um ihre Aufgabe erfüllen zu können.

Mangelnde Pünktlichkeit nennt auch Hansen als eines der Hauptprobleme, mit denen die Bahn zu kämpfen hat.Hinzu komme das Erscheinungsbild: "Die Öffentlichkeitsarbeit der Bahn ist schlechter geworden und der Informationsfluß gegenüber Reisenden sehr verbesserungsbedürftig", meint er.Mangelnde Qualität der Wagen im Personenverkehr und alte Lokomotiven führten ebenfalls zu Schwierigkeiten.

Für den Gewerkschafter hängen der Arbeitsplatzabbau der vergangenen Jahre und die gehäuften Verspätungen zusammen, da vor allem im technischen Bereich und dort, wo der Betriebsablauf organisiert werde, Stellen verloren gegangen seien.So würden Störungen in Stellwerken, Weichenanlagen und an den Schienen oft verschleppt.Ältere störanfälligere Fahrzeuge könnten mangels Personal nur unzureichend gewartet werden.Schäden würden verspätet bearbeitet.Im Fahrplan berücksichtigte Bauarbeiten dauerten oft länger als vorgesehen und verursachten Verspätungen.

"Es ist einfach zu wenig Personal vorhanden.Die Leute sind völlig überlastet", meint Hansen.Wenn Lokführer oder Zugbegleiter ausfallen, könne wegen der dünnen Personaldecke oft nur spät Ersatz gefunden werden.Im Zugbegleitdienst habe man die Besetzung verringert statt ausgebaut.Wenn im Nahverkehr demnächst kein Schaffner mehr im Zug mitfahre, sei Service fast nicht mehr möglich.Das Sofortprogramm für die Bahn sei zwar richtig, sagt der Gewerkschafter, der selber dem Aufsichtsrat angehört, aber mit der falschen Konsequenz verbunden: "Den geplanten Stellenabbau halten wir für völlig überzogen.Den werden auch die Reisenden zu spüren gekommen." Bis Ende 1998 sind noch 250 000 Mitarbeiter bei der Bahn beschäftigt.

Die Lage werde sich weiter verschlechtern, warnt der Gewerkschafter, wenn der Bahn AG nicht der Wechsel von einer ressourcengesteuerten zu einer an der Nachfrage der Kunden orientierten Politik gelinge.Das verursache zwar Kosten.Wenn dadurch aber wieder mehr Bürger vom Auto auf die Bahn umsteigen, könnte die Gesamtbilanz positiv aussehen."Die Bahn hat ein ganz gewaltiges Umsatzproblem", faßt er zusammen.Daß eine kundenorientierte Politik aufgeht, zeigen nach seiner Ansicht der Intercity-Express (ICE) mit den dazugehörigen Serviceleistungen und der Interregio-Zug.

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