Wirtschaft : Auf die falsche Bank gebaut? (Leitartikel)

Rainer Hank

Es ist nichts mehr zu retten. Philipp Holzmann taumelt aus der Überschuldung in die Zahlungsunfähigkeit. Das ist nicht nur das Ende eines großen deutschen Traditionsunternehmens, das in einem Jahrhundert mit der Bagdadbahn von Konstantinopel nach Basra bis zum Potsdamer Platz in Berlin bei allen wichtigen Bauprojekten international beteiligt war. Es ist zugleich ein deutliches Signal dafür, dass das deutsche Wirtschaftsmodell sich mit Tempo verändert und die Spielregeln angelsächsischer werden müssen. Das bedeutet: Unternehmerische Verantwortung darf nicht verwischt werden, und die Vorstände müssen anders kontrolliert werden.

Dies gilt unabhängig von der Entscheidung des Insolvenzverwalters. Die Einleitung des Verfahrens muss nicht notwendig den völligen Untergang eines Unternehmens bedeuten. Das neue Insolvenzrecht ist darauf ausgelegt, die Ansprüche der Gläubiger gegenüber einer Rettung des Unternehmens zurückzustellen. Über den Ausgang des Holzmann-Verfahrens kann man nur spekulieren. Aber es gibt Argumente dafür, dass jetzt ein Ende mit Schrecken besser wäre als ein Schrecken ohne Ende.

Das zumindest war die Botschaft der Aktienkurse am gestrigen Montag. Wenn die Wettbewerber Hochtief oder Bilfinger + Berger das Frankfurter Debakel mit Gewinnen quittierten, ist dies nicht Schadenfreude, sondern Ausdruck einer Hoffnung, dass der gebeutelte Bau jetzt die Zeichen der Zeit erkennt und sich auf den Strukturwandel einstellt. Seit langem war abzusehen, dass auch der Bau kein nationales Sonderrecht genießt und abseits der Globalisierung ein Nischenleben fristen kann. Unternehmer aus anderen Ländern nutzen ihre Vorteile im Bieterverfahren für Bauaufträge. Europäische Arbeitnehmer nutzen ihren Lohnvorteil auf den deutschen Baustellen. Das heißt: Eine Bereinigung des Marktes ist überfällig.

So zu argumentieren ist nicht zynisch, im Gegenteil. Zehntausende Arbeitnehmer, die durch die Entscheidung der Gläubiger jetzt zum Arbeitsamt geschickt werden, haben am Montag vor der Frankfurter Holzmann-Zentrale zu Recht ihrer Wut Ausdruck verliehen. Fassungslos müssen sie sehen, dass niemand von den riesigen Finanzierungslücken gewusst haben will und die Beteiligten jetzt auf ihrem Rücken untereinander die Schuld verschieben. Ähnliches gilt für Kunden und Zulieferer, die nun um ihre offenen Rechnungen bangen müssen.

Deswegen muss die Frage der Verantwortung gestellt werden: Die Liste der üblichen Verdächtigen ist lang. Dass die Wirtschaftsprüfer offenbar formal ihr Geschäft verstehen und die Bilanzen mit ihren Testaten versehen, lässt es umso unbegreiflicher werden, warum etwa Fehler im ostdeutschen Immobiliengeschäft erst gesehen wurden, als es zu spät war. Ein Verdacht auf Vertuschung muss sich auch das Mangement gefallen lassen. Es klingt ein wenig wohlfeil, wenn jetzt jeder Vorstandsvorsitzende mit dem Finger auf seinen unmittelbaren Vorgänger zeigt.

Die schärfste Kritik trifft aber die deutschen Banken - in Besonderheit jene im Singular: die Deutsche. Nach dem Zusammenbruch der Metallgesellschaft und einer peinlichen Rolle beim Ende des Jürgen Schneider ist Holzmann der dritte Fall in den neunziger Jahren, bei dem die Aufsicht offenbar nicht so funktioniert hat, wie sie sollte. Weil die handelnden Personen statistisch gesehen weder besser noch schlechter sind als der Durchschnitt anderer Kontrolleure, muss die Systemfrage gestellt werden. Die Deutsche Bank ist bei Holzmann zweitgrösster Anteilseigner und größter Kreditgeber. Banken sind in Deutschland immer noch bei vielen Unternehmen Großaktionär und "Hausbank" zugleich. Sie üben Aufsichtsrollen aus und haben grossen Einfluss auf das operative Management. Das führt zu einer Verwischung der Verantwortung, einer Neigung zu falscher Loyalität auf Kosten der Effizienz und verhindert Wettbewerb. Es ist ausländischen Beobachtern nicht zu verdenken, dass sie in dieser Eigenart der Unternehmensführung (corporate governance) eine grosse Schwäche des deutschen Modells erkennen. Wenn die Politik am Fall Holzmann lernen will, soll sie mit einer Entflechtung der Rollen für besseren Wettbewerb sorgen.

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