Wirtschaft : Auf die Palme gebracht

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Reiche Ernte. Arbeiter entladen einen Pick-up vor der Ölmühle von Univanich. Fotos (2): Rolf Obertreis
Reiche Ernte. Arbeiter entladen einen Pick-up vor der Ölmühle von Univanich. Fotos (2): Rolf Obertreis

Der rote Pick-up ist übervoll beladen. Die seitlichen Gitter können die Fracht gerade noch halten. Samdet Jinda stört das wenig. Er steuert das Fahrzeug an die großen Haufen von Büscheln mit Ölpalmfrüchten, die sich vor der Ölmühle von Univanich in Ao Luek, 60 Kilometer nördlich des südthailändischen Urlaubsortes Krabi aufgetürmt haben. Zwei Mitarbeiter öffnen die Ladeklappe, ziehen mit langen Stangen die rötlichen Büschel vom Pick-up. „Gute Ware“, sagt Prapat Thepnarin, Einkaufschef bei Univanich.

Knapp 2,8 Tonnen Früchte liefert Jinda an diesem Tag ab. Sechs Baht pro Kilo und damit rund 17 000 Baht, etwa 395 Euro, zahlt die Mühle in bar aus. Jinda ist zufrieden, wie der Kleinbauer überhaupt zufrieden ist mit dem Ertrag seiner Klein-Plantage von umgerechnet 20 Hektar in Baan Kaokane, rund 20 Kilometer von Ao Luek entfernt, auf der vor allem Ölpalmen, zum kleineren Teil auch Kautschuk-Bäume stehen. „Aufs Jahr gesehen sind Ölpalmen besser“, sagt Jinda und fährt davon.

Den Kleinbauern in der Region Krabi, die vor allem auf Ölpalmen setzen, geht es nicht schlecht, sagt auch Daniel May von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Auf 9000 Euro schätzt er das durchschnittliche Jahreseinkommen. Haus, Auto, Motorrad, Fernseher und Handy zählen zu den Statussymbolen der Kleinbauern. Ihre Geschäftsaussichten sind gut: Der Bedarf an Palmöl wächst weltweit rapide, vor allem wegen des steigenden Wohlstands in Schwellenländern wie China und den damit sich ändernden Ess- und Konsumgewohnheiten. Auch Klimaschutz und die Suche nach Alternativen zu Rohöl sprechen für Palmöl. In Thailand ist es längst der wichtigste Rohstoff für Biodiesel.

In Deutschland ist Palmöl – ohne dass es viele Verbraucher wissen – in Supermärkten allgegenwärtig. Palmöl und Palmkernöl stecken in Margarine, Pizza, Schokolade, Schokoriegeln, Gummibärchen, Keksen, Eiscreme, in Cremes, Kosmetika, Lippenstiften, in Wasch- und Reinigungsmitteln. „Die Hälfte aller im Supermarkt erhältlichen Produkte enthalten Palmöl“, sagt May. Der Grund: Im Vergleich zu Raps, Sonnenblumen oder Soja sind Ölpalmen mit dreieinhalb bis vier Tonnen pro Hektar um den Faktor zehn ertragreicher und benötigen dabei nur zehn Prozent der Fläche.

Trotzdem: Palmöl hat ein schlechtes Image. Seit 1990 hat sich die Anbaufläche verdoppelt, in Indonesien sogar verzehnfacht. Dort und in Malaysia wurden und werden für riesige Öl-Palm-Plantagen wertvolle Tropenwälder niedergemacht. An anderer Stelle wurde und wird wertvolles Ackerland umgewidmet, auf Borneo wurden und werden, wie Martina Fleckenstein vom World Wide Fund for Nature (WWF) klagt, Torfmoore trockengelegt und damit das dort in großen Mengen gespeicherte, klimaschädliche Kohlendioxid freigesetzt. Im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 51,2 Millionen Tonnen Palmöl und Palmkernöl verbraucht, davon gut 1,3 Millionen Tonnen in Deutschland. Allerdings waren, sagt der WWF, nur etwa fünf Millionen Tonnen als nachhaltig zertifiziert. Größte Produzentenländer sind Malaysia und Indonesien vor Papua Neuguinea und Kolumbien. Thailand erzeugt einen Anteil von drei Prozent.

„An sich ist Palmöl kein schlechtes Öl“, sagt Fleckenstein. In der Region Krabi, aber auch in Indonesien und Malaysia sichert es auf kleinen Plantagen vielen Kleinbauern und ihren Familien ein verlässliches Einkommen. Trotzdem: Hersteller von Reinigungs- und Nahrungsmitteln und von Kosmetika und Cremes stehen wegen der durch Palmöl verursachten Umweltschäden seit Jahren massiv unter Druck. Greenpeace etwa hat 2010 Kosmetika von Unilever und Schokoriegel von Nestlé gebrandmarkt.

Allerdings wurde schon 2004 auf Initiative des WWF der „Runde Tisch Palmöl“ gegründet. Der freiwillige Zusammenschluss von Organisationen und Firmen hat Kriterien für eine nachhaltige Produktion entwickelt und bietet eine entsprechende Zertifizierung an. 24 Plantagen und fast 100 Ölmühlen erfüllen heute die Vorgaben. Allerdings umfasst das, laut WWF, nur sieben Prozent der Weltproduktion von etwa 51 Millionen Tonnen pro Jahr. Deutsche Firmen haben die Bedeutung des Gremiums erkannt, 44 sind mittlerweile dabei, unter anderem Aachener Printen, Bahlsen, Bayer Crop Sciene, Beiersdorf, Griesson de Beukelaer, Haribo, Henkel und Rewe. Ein „Forum für nachhaltiges Palmöl“ soll die Umstellung forcieren.

Hier setzt das Pilotprojekt an, das May seit 2009 für die GIZ in Auftrag des Bundesumweltministeriums in Bangkok verantwortet. Es soll ähnliche Anstrengungen in anderen Ländern anstoßen. Längst ist Bauern wie Jinda und Univanich-Geschäftsführer John Clendon klar, dass sie ihre Zukunft ohne eine nachhaltige Produktion von Palmöl aufs Spiel setzen. Das an der Börse in Bangkok gelistete Unternehmen gilt heute als Vorzeigebetrieb. „Dabei bezieht sich Nachhaltigkeit nicht nur auf Betriebswirtschaft und Umwelt, sondern auch auf Sozialstandards“, sagt Clendon.

Die eigenen Plantagen werden nur auf stillgelegten, nicht benötigten Reisfeldern ausgeweitet, das Unternehmen unterhält eine eigene Forschungsstation für ertragreicheres Saatgut. Es wird mittlerweile in zehn Ländern verkauft. Und das bei der Produktion des Palmöls entstehende Methangas wird zur Produktion von Strom genutzt, der in das öffentliche Netz fließt. „Im vergangenen Jahr haben wir 2000 Haushalte versorgt und den Ausstoß von 90 000 Tonnen CO2 vermieden“, sagt Clendon. Nicht zuletzt hilft Univanich den Bauern in der Region bei der Umstellung.

Das kann Akapir Kamnoo nur bestätigen. Der 36-Jährige steht in seiner zwölf Hektar großen Plantage, die Ölpalmen werfen Schatten, dämpfen die Hitze. In der Hand hält er sein Handy, den Mittelfinger ziert ein dicker Ring, das Handgelenk ein Silberkettchen. Wie ein traditioneller Kleinbauer wirkt Kamnoo nicht. „Viele sind heute eher Plantagenmanager“, sagt May. „Manche beschäftigen einige Mitarbeiter, für die Ernte auch Tagelöhner.“ Stolz hält Kamnoo ein grünes Kärtchen in die Höhe. Es weist ihn als einen von 500 „Small-Holdern“ aus, die von der GIZ betreut werden. „Früher habe ich in der Mühle gearbeitet, heute bin ich mein eigener Chef.“ Und er verdiene mehr, sagt er stolz. Aber er weiß auch, dass er den Ertrag seiner Palmen noch steigern, die Kosten senken, die Organisation verbessern und die Sicherheit erhöhen muss – mithilfe der GIZ. „Es geht auch mit weniger Dünger, wir lassen einfach Palmblätter und Gras zwischen den Palmen am Boden verrotten.“ Kamnoo kennt heute den besten Zeitpunkt für die Ernte, wenn die Früchte den höchsten Ertrag abwerfen.

Noch bringt ihm die auch wegen der detaillierten schriftlichen Dokumentation aufwändige Umstellung keine höheren Einnahmen, allenfalls bekommt er dank des „Small-Holder“-Kärtchens den Dünger günstiger, und er muss sich an der Univanich-Mühle mit seinem Pick-up nicht in die lange Fahrzeugschlange stellen, sondern kann direkt an die Rampe fahren. Kamnoo weiß um die kritischen Palmöldiskussionen in Europa. Er weiß vor allem, dass seine Chancen ohne den Nachweis einer nachhaltigen Produktion schwinden. Shell Thailand etwa wird ab Anfang 2012 nur noch zertifiziertes Palmöl aufkaufen, thailändische Lebensmittelkonzerne ab 2015.

Den Mehrpreis würden auch deutsche Unternehmen entrichten. Henkel hat bereits 2008 begonnen, für die Tensideproduktion für Wasch- und Reinigungsmittel auf nachhaltiges Palmöl zu setzen. Bis 2015 soll dies komplett umgesetzt sein, sagt Mareike Klein, beim Düsseldorfer Konzern für Nachhaltigkeit zuständig.

Der Bonner Gummibärchen-Hersteller Haribo verfolgt eine ähnliche Strategie, Rewe will seine Eigenmarken ab Ende 2012 ausschließlich mit nachhaltigem Palmöl produzieren. Die pro Jahr benötigten 15 000 Tonnen sollen in separaten Tanks angeliefert werden, die Kette von der Palme bis zu Anlieferung komplett als nachhaltig geschlossen sein. „Wir wollen zum Vorreiter werden“, sagt Rewe- Einkaufsleiter Ludger Breloh. „Und wir wollen Nachahmer.“ Schließlich geht es den Firmen auch um den guten Ruf.

Zertifiziertes Palmöl kommt tatsächlich derzeit kaum in Deutschland an, allenfalls als Beiladung in geringen Mengen. Univanich hat unlängst kleinere Mengen auf den Weg nach Hamburg geschickt. Henkel setzt deshalb auf Zertifikate für nachhaltiges Palmöl und damit auf den indirekten Kauf des sauberen Öls. Weltweit wurden so bislang umgerechnet zehn Millionen Euro eingenommen, die – so Bob Norman von der Handelsplattform Greenpalm – komplett an zertifizierte Ölpalmenbauern gegangen sind. „Je größer die Nachfrage nach Zertifikaten wird, desto mehr nachhaltiges Palmöl wird es auf dem Markt geben“, sagt Henkel-Managerin Klein.

Davon möchte auch Kamnoo profitieren. „An der Zertifizierung geht kein Weg vorbei. Aber dann müsste der Preis auch steigen, auf mehr als sechs Baht (etwa 14 Euro-Cent) pro Kilo. Fünf bis zehn Prozent mehr sollten es schon sein“, sagt der 36-Jährige. Spätestens Mitte 2012 will er die Zertifizierungs-Urkunde in der Hand halten. Kamnoo und die anderen 500 Kleinbauern sollen zum Vorbild für die rund eine Million Ölpalmenpflanzer in Thailand werden, sagt GIZ-Projektleiter May. Genauso wie für Bauern in anderen asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Staaten. In Ao Luek setzt auch Univanich-Fabrik-Manager Clendon auf die nachhaltigen Ölpalmbüschel der Kleinbauern. Dann kann er sein Palmöl noch besser und teurer verkaufen. Das wäre eine mehrfache Win-win-Situation: für die Kleinbauern, für Umwelt und Klima, für Univanich, für das Image von Henkel, Rewe und Co. und letztlich auch für deutsche Verbraucher. So positiv kann Palmöl sich entwickeln.

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