Wirtschaft : Auf eigenes Risiko

Die Bürger sollen immer mehr für sich selbst vorsorgen – aber auch die kapitalgedeckten Versicherungen haben ihre Tücken

Heike Jahberg,cordula eubel

Von Heike Jahberg und

cordula eubel

Seit Freitag wird verhandelt. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, in welche Richtung die Reise geht. Am Ende der Gespräche, die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und der Verhandlungsführer der Union, Horst Seehofer (CSU), noch bis Ende nächster Woche führen wollen, wird es heißen: mehr private Vorsorge auch für Kassenpatienten. Worüber aber weniger diskutiert wird: die Privatversicherung kann den Versicherten teuer zu stehen kommen.

Ob man sich letztlich auf den Zahnersatz einigen wird oder auf das Krankengeld – klar ist: Immer mehr Leistungen sollen die Deutschen künftig aus der eigenen Tasche bezahlen. Im Gesundheitswesen, bei der Altersvorsorge und in der Pflegeversicherung entdecken Politiker aller Parteien die Privatinitiative als Königsweg. Ihr Argument: Weil die Deutschen immer älter werden und der Nachwuchs fehlt, leiden umlagefinanzierte Systeme unter einem unlösbaren demographischen Problem. Hinzu kommt die schlechte Konjunktur. Je mehr Menschen arbeitslos sind, desto schwieriger wird die Finanzierung der auf Umverteilung basierenden Sozialsysteme. Der Ausweg: Jeder spart für sich. Kapitaldeckung heißt das Prinzip, das der privaten Krankenversicherung und der Lebensversicherung zu Grunde liegt.

„Die private Krankenversicherung ist das einzige demographieresistente System“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes der privaten Krankenversicherung (PKV-Verband), Christian Weber. Den Trend in der Politik hin zu mehr privater Vorsorge sieht der PKV-Mann mit Befriedigung: „Endlich erkennt die Politik, dass man mehr tun muss, als kurzfristig die Defizite zu decken.“

Verbraucherschützer können die Euphorie des Verbandsmanagers jedoch nicht teilen. „Die private Krankenversicherung hat dieselben Probleme wie die gesetzlichen Kassen“, sagt Thomas Isenberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Weil auch bei den privat Versicherten die Kosten im Alter wachsen, müssen die Versicherungen die Beiträge erhöhen: „Die privaten Versicherungen kämpfen mit der Kostenlawine“, meint Isenberg. Das Nachsehen hätten oft die älteren Versicherten, warnt Ulrike Steckkönig von der Stiftung Warentest: „Wenn in einem privaten Tarif keine jungen Leute mehr nachkommen, wird der Tarif geschlossen und vergreist. Wer dann noch Mitglied ist, zahlt drauf.“ Mit deutlichen Beitragserhöhungen, die im Einzelfall bis zu 100 Prozent betragen können. Und sollte man im Alter den privaten Versicherer wechseln müssen, wird die Sache richtig teuer. Denn die Alterungsrückstellungen, mit den Prämienerhöhungen im Alter vermieden werden sollen, können die Versicherten nicht mitnehmen. Zudem drohen bei der neuen Gesellschaft eine Gesundheitsprüfung und hohe Einstiegsbeiträge.

Kein Wunder, dass die Versicherten der Mannheimer Krankenversicherung in den vergangenen Tagen zittern mussten. Denn noch ist unklar, ob die Krankenversicherung die Finanzkrise, in der der gesamte Mannheimer-Konzern steckt, überlebt. Um den nervösen Kunden das Vertrauen zurückzugeben und das Image der privaten Krankenversicherung zu retten, hat die Branche reagiert: Am Donnerstag knüpfte sie nach dem Vorbild der Lebensversicherer ein Rettungsnetz. Sollte ein privater Krankenversicherer in die Insolvenz rutschen, springt künftig eine neue Auffanggesellschaft, die Medicator AG, ein und rettet die Versicherten.

Die Lebensversicherer sind schon einen Schritt weiter. Mit der insolventen Mannheimer Leben haben sie bereits den ersten Fall für ihre Notfallgesellschaft Protektor. Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, dürften demnächst die Verträge der Mannheimer-Kunden auf Protektor übertragen werden. Für die Versicherten kein Grund zur Panik: Die in der Vergangenheit garantierten Überschussbeteiligungen bleiben ihnen erhalten, und für die Zukunft zahlt Protektor den gesetzlichen Mindestzins von derzeit 3,25 Prozent.

Doch Analysten warnen: Einen mittelschweren Fall wie die Mannheimer könne Protektor stemmen. Doch sollte einem wirklich Großen die Luft ausgehen, wäre die Auffanggesellschaft überfordert.

Trotz der Finanzkrise der Lebensversicherer sind sich alle Parteien einig: Neben die gesetzliche Rente muss eine kapitalgedeckte Säule gestellt werden. Diese Entwicklung deutet sich auch in der Pflegeversicherung an. Zwar will die Rürup-Kommission hier ohne Privatisierung reformieren. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt will die Versicherung aber ergänzen. Für 2004 hat sie dies angekündigt. Das Ziel? Mehr private Absicherung natürlich. Was sonst?

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