Wirtschaft : Auf Glanz poliert

Glamour, Kultur und Kinderfahrschule: Die Mercedes-Zentrale am Salzufer feiert ihr Zehnjähriges

von
Flaggschiff. 160 Meter lang ist die mit viel Glas verkleidete Mercedes-Welt am Salzufer. Jährlich lockt sie rund eine Million Gäste an. Fotos: Thilo Rückeis (2), Mike Wolff (2)
Flaggschiff. 160 Meter lang ist die mit viel Glas verkleidete Mercedes-Welt am Salzufer. Jährlich lockt sie rund eine Million...

Als Walter Müller 1996 nach Berlin kam, durchlebte die Mercedes-Benz-Niederlassung gerade eine schwierige Phase. Die hohe Nachfrage nach der deutschen Einheit war schon wieder abgeebbt, und moderne neue Autohäuser im Umland konkurrierten zunehmend mit Mercedes in Berlin. Am Salzufer in Charlottenburg „konnte nur ein Bruchteil der Modellvielfalt gezeigt werden“, erinnert sich Müller. Da kam ihm die Idee für ein großes „Autohaus der Zukunft“, das mit Events zum gesellschaftlichen Treffpunkt wird. Einer der Vorgesetzten, die ihn unterstützten, war der damalige Vertriebs- und heutige Konzernchef Dieter Zetsche. Und im Sommer 2000 war es so weit: Am Salzufer öffnete die 47 Millionen D-Mark teure „Mercedes-Welt“, die am Wochenende ihr zehntes Jubiläum feiert.

„Wir wussten gar nicht, was alles auf uns zukommt“, sagt Müller, der damals von den heutigen Besucherzahlen noch nicht zu träumen wagte. Inzwischen lockt die Mercedes-Welt jährlich rund eine Million Besucher aus aller Welt an. Mit einer Länge von rund 160 Metern und der 22 Meter hohen, transparenten Decke ist das schiffsförmige Gebäude nicht nur das größte Autohaus der Stadt, sondern auch einer der größeren Veranstaltungsorte: Bis zu 3000 Gäste haben im Atrium Platz. Hier gibt es Charity-Galas, Konzerte, Modeschauen, Vorträge, Fußball- und Motorsportübertragungen auf der Großleinwand und einen Weihnachtsmarkt unter einer 15-Meter-Tanne. Die lange Reihe prominenter Gäste reicht von Modeschöpfer Giorgio Armani über die Fußballer Franz Beckenbauer und Pelé bis zu arabischen Scheichs und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zur Inneneinrichtung gehören ein 750 Jahre alter Olivenbaum, Palmen und Wasserspiele. Müller betont die Kundenorientierung seines Teams, jeder Käufer wolle individuell betreut werden und „keine Nummer sein“. 2009 kürte eine Fachzeitschrift die Mercedes-Welt zum „Autohaus des Jahres“. Wichtig war dem Chef die Transparenz: „Wir wollten uns nicht durch Mauern abschotten.“ Deshalb gibt es eine Glasfassade aus mehr als 4700 Scheiben. Das Atrium ist auch bei Eventagenturen gefragt, die interessante Räume für verschiedenste Kunden suchen und neben der Architektur die moderne Veranstaltungstechnik schätzen. In separaten Konferenzräumen tagen Manager diverser Unternehmen. Selbst Mitglieder des Deutschen Alpenvereins gastieren regelmäßig am Salzufer, trainieren an den zwei 17 Meter hohen Kletterwänden und laden Besucher zum Ausprobieren ein.

Unter den Gästen sind jährlich mehr als 15 000 Kinder, für sie gibt es unter anderem eine Verkehrsschule mit elektrisch betriebenen Miniaturautos. An einem Formel-1-Simulator können Besucher virtuell über Rennstrecken rasen und um die Wette fahren. Und das Restaurant im Parterre zieht auch viele Gäste aus der Umgebung an, die gar kein Auto kaufen wollen.

Mehr als nur ein Autohaus sind inzwischen auch die Ausstellungsräume anderer Automarken in Berlin. So machte Volkswagen aus dem Automobilforum Unter den Linden an der Ecke Friedrichstraße ein mehr als 10 000 Quadratmeter großes Erlebniscenter mit Ausstellungen, Modeschauen und Konzerten. Derzeit läuft die Ausstellung „Faszination Salz“, zu der Kochkurse angeboten werden. Im November folgt die Messe „Ars Nobilis“, bei der Kunsthändler aus ganz Deutschland „Kunstschätze aus fünf Jahrhunderten“ präsentieren wollen. „Wir möchten über Produkte und Dienstleistungen hinaus die Leute mit interessanten Themen zu uns einladen“, sagt der VW-Projektkoordinator Mario Mücke. In größerem Maßstab geschieht dies in der „Autostadt“ Wolfsburg, die übrigens fast zeitgleich mit der Berliner Mercedes-Welt im Sommer 2000 eröffnet hatte.

BMW nutzt seinen Showroom am Kurfürstendamm für rund 50 Veranstaltungen pro Jahr. Häufig findet dort die öffentliche Premiere neuer Automodelle bei Veranstaltungen mit prominenten Gästen statt. Hinzu kommen Preisverleihungen, Galadinner, Filmabende sowie Ausstellungen über Architektur, Design, Kunst, Technik und Mode. Zumindest Kunst stellt inzwischen fast jede Automarke an ihrem Berliner Hauptsitz aus.

Jeanette Streier, Handelsexpertin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, vergleicht die multifunktionalen Autohäuser mit den Flagshipstores von Markenherstellern anderer Branchen. So eröffnete Ritter Sport im Januar auf drei Etagen am Gendarmenmarkt die „Bunte Schokowelt“ mit einer Ausstellung über Kakao und Schokolade, einer „Schokowerkstatt“ für Kinder und einem hauseigenen Restaurant. Und im „Nivea-Haus“ Unter den Linden“ können sich Besucher bei Wellness-Behandlungen entspannen. Keines dieser Häuser kann allerdings mit der Größe der Mercedes-Welt mithalten: Allein zur Jubiläumsfeier an diesem Wochenende erwartet Walter Müller rund 10 000 Gäste.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben