Wirtschaft : Auf Kosten der Gesundheit Soziale Standards werden nur selten beachtet

Yasmin El-Sharif

Bogotá, 25. November 2003: Auf der Blumenplantage Flores Aposentos in der Nähe der kolumbianischen Hauptstadt fallen Hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter kurz nach Schichtbeginn plötzlich reihenweise in Ohnmacht. Eine dramatische Rettungsaktion folgt. Rund 400 Menschen werden in die nahe gelegenen Krankenhäuser gebracht. Die spätere Diagnose ergibt, dass die Arbeiter schwer mit Pestiziden vergiftet wurden. Zwar können alle gerettet werden, doch haben die Vergifteten noch einige Tage später mit Magenkrämpfen, Schwindel und Schweißausbrüchen zu kämpfen.

Dieser Fall soll später als einer der größten Pestizidunfälle in die Geschichte der kolumbianischen Blumenindustrie eingehen. Er ist aber nur ein Beispiel für die teils katastrophalen Bedingungen auf Blumenfarmen weltweit. Denn egal ob in Kolumbien, Ecuador oder Kenia, – das letztere Land eines der wichtigsten Lieferanten für den deutschen Markt – ähnliche Vorfälle ereignen sich immer wieder. Aber nicht nur der massive Einsatz von Giften erschwert die Arbeit. Menschenrechtsorganisationen machen auch regelmäßig auf Kinderarbeit aufmerksam, oder darauf, dass Niedrigstlöhne gezahlt werden. Besonders schlimm muss es auf den Farmen vor Feiertagen zugehen, wie jetzt vor dem Muttertag. So berichten Betroffene etwa von 36-Stunden-Schichten.

Und dennoch: Es tut sich etwas. Die Arbeitsbedingungen verbessern sich seit einigen Jahren auf einer wachsenden Zahl von Plantagen, seitdem sich der deutsche Handel und Menschenrechtsorganisationen für die Einführung von Gütesiegeln eingesetzt haben. Die zwei relevanten Siegel in Deutschland sind das Flower Label Program (FLP) und das Fairtrade-Siegel von Transfair. Mit den Siegeln dürfen nur diejenigen Produzenten werben, die auf Kinderarbeit verzichten, Gewerkschaften akzeptieren, existenzsichernde Löhne zahlen, schützende Arbeitskleidung zur Verfügung stellen und die Umwelt schonen. Ob die Standards wirklich eingehalten werden, lassen beide Organisationen regelmäßig von unabhängigen Gutachtern überprüfen.

Mehr als 70 Farmen mit rund 20 000 Mitarbeitern haben inzwischen eines der beiden Siegel erhalten. Noch machen die bei ihnen produzierten Blumen nur wenige Prozent des Imports nach Deutschland aus. Aber unter den Abnehmern sind immerhin schon Hunderte von Floristen und große Einzelhandelsketten, wie etwa Rewe (Penny Markt, Toom), Kaiser’s-Tengelmann und Blume 2000. Und es werden mehr, heißt es bei beiden Organisationen. Während es das Transfair-Gütezeichen momentan jedoch nur für Rosen gibt, zählt das FLP-Programm auch Nelken-, Sonnenblumen-, oder Schleierkrautproduzenten zu seinen Zulieferern.

Und was kostet es? „Für ein Bund Rosen muss man etwa 50 Cent mehr zahlen“, sagt eine Transfair-Sprecherin. „Dafür hat man aber ein wirklich gutes Gewissen.“ Yasmin El-Sharif

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