Wirtschaft : Auf nach Rumänien

Unternehmen interessieren sich immer mehr für die östlichen Nachbarn der EU-Neulinge – dort sind die Lohnkosten noch niedriger

Flora Wisdorff

Beim Automobilzulieferer Leoni war die Motivation eindeutig: „Wir sind wegen der niedrigen Lohnkosten in die Ukraine gegangen“, sagt die Sprecherin des Unternehmens, das 40 Millionen Euro in dem Land östlich der neuen EU-Nachbarn investiert hat. Vor zehn Jahren hatte sich Leoni noch für die Billigstandorte Slowakei und Polen entschieden – die waren aber bei der Investition im vergangenen Jahr kurz vor dem EU-Beitritt nicht mehr günstig genug. Der Opel Astra, für den Leoni die Kabelsätze produziert, habe eben „sehr aggressive Preise“, sagt die Sprecherin. Also müssten auch die Kabel günstig sein.

Immer mehr Unternehmen bauen ihre Standorte nicht mehr unbedingt in Polen, Tschechien oder Ungarn auf, sondern gehen gleich nach Bulgarien, Rumänien, in die Ukraine oder gar nach Russland. „Die Standorte östlich der neuen EU-Mitglieder geraten jetzt immer mehr in das Interesse der Unternehmen“, sagt Peter Presber, Osteuropareferent beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Erstens, weil es dort weitere, viel versprechende Märkte gebe, die es zu erobern gilt. Aber zweitens auch, weil die Lohnkosten niedrig sind und trotzdem gut qualifiziertes Personal lockt, sagt Presber.

In Polen, Tschechien oder Ungarn investieren die Unternehmen schon, seit deren EU-Beitritt sicher ist, also schon seit Jahren. Seitdem veränderten sich die Volkwirtschaften rasant, es wurde privatisiert, die Infrastruktur verbessert, EU-Recht übernommen. Gleichzeitig stiegen aber auch die Lohnkosten. Die Produktion bleibt dort zwar auch jetzt noch interessant, weil die Märkte sich nun verändern und die Wirtschaftskraft steigt. Trotzdem verschiebt sich das Interesse auch noch weiter in den Osten. Bulgarien und Rumänien seien besonders attraktiv, sagt Presber, denn dort würde viel getan, um den EU-Beitritt 2007 möglich zu machen. Aber vor allem Russland und auch die Ukraine hätten ihre Rahmenbedingungen in den vergangenen vier Jahren entschieden verbessert, sagt Presber.

Der Reifenhersteller Continental entschied sich für Rumänien. Mehr als 100 Millionen Euro hat Continental dort investiert – auch, um möglichst billig zu produzieren. Immerhin lag der durchschnittliche Bruttolohn in Rumänien laut der Deutschen Industriebank (IKB) Ende vergangenen Jahres bei 180 Euro monatlich, in Polen zahlten Unternehmen ihren Mitarbeitern im Schnitt 550 Euro. Aber nicht nur der Preis und der wachsende Markt vor Ort spielten eine Rolle, sagt Continental- Sprecher Hannes Boekhoff. Auch die gut qualifizierten Arbeitskräfte waren ausschlaggebend, denn Continental baut im rumänischen Sibiu einen Bereich für Forschung und Entwicklung auf. „Die technische Universität hat uns sofort gefragt, wie sie uns unterstützen kann, welche Ausbildungsgänge für uns besonders wichtig seien“, sagt Boekhoff.

Überall in Russland, der Ukraine, Rumänien oder auch Bulgarien gebe es motivierte und gut qualifizierte Arbeitskräfte, sagt DIHK-Experte Presber. Zusammen mit den noch niedrigeren Löhnen macht das den Mitteleuropäern Konkurrenz. Bei der DIHK-Vertretung in der Slowakei macht man sich wegen der steigenden Löhne schon Sorgen um den Standort: „Die einzige Möglichkeit für die Slowakei, mittelfristig konkurrenzfähig zu bleiben, ist, die anderen Rahmenbedingungen weiter zu verbessern“, sagt Andreas Schäfer von der DIHK in Bratislava. Wie zum Beispiel die Leistungsfähigkeit von Justiz und Verwaltung. Zwar gebe es noch keine Abwanderung von Unternehmen aus der Slowakei in den Osten. Um die Investitionen in der Zukunft zu halten und auch neue Unternehmen anzuziehen, müsse es jedoch konsequente Verbesserungen für Unternehmen geben.

Noch sind die Standorte in den neuen Mitgliedstaaten jedoch keineswegs in Gefahr. „Wir denken überhaupt nicht daran, aus Polen oder der Slowakei wegzugehen“, heißt es bei Leoni. Die zehn EU-Neulinge haben eben einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren östlichen Nachbarn: Sie sind mit der Umsetzung des EU-Rechts schon weit fortgeschritten, das ist in Rumänien oder der Ukraine weniger der Fall. „Diese Länder sind noch inmitten der Transformation – deshalb ist auch die Korruptionsgefahr um einiges höher“, warnt Presber.

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