Wirtschaft : Auf verlorenem Posten

Wie das Skandalunternehmen BenQ mit seinen deutschen Mitarbeitern in Peking umspringt

Harald Maass

Peking - Softwareingenieur Niko Janssen lag mit einem Bandscheibenvorfall auf dem Operationstisch, als die Manager des taiwanesischen BenQ-Konzerns auf seinem Handy anriefen. Seine Frau Ebru, damals im dritten Monat schwanger, nahm das Gespräch an. „Sie wollten unbedingt Niko sprechen.“ Obwohl sie erklärte, dass ihr Mann kurz vor einer Operation stehe, forderten die Manager immer wieder, ihn ans Telefon zu holen. „20, 30 Mal am Tag riefen sie an. Es war richtiger Telefonterror“, sagt Frau Janssen. Am Ende schickte der taiwanesische Manager ein E-Mail.

Niko Janssen, der seit mehr als einem Jahr für den Konzern in Peking arbeitete, sei fristlos gekündigt. Hunderte Menschen haben durch die Pleite von BenQ Deutschland ihre Arbeit verloren. Doch besonders hart sprang der taiwanesische Mutterkonzern mit den deutschen BenQ-Mitarbeitern im Ausland um. Im Oktober vergangenen Jahres, kurz nach der Insolvenz in Deutschland, setzte der Konzern Niko Janssen und mehr als ein Dutzend weiterer deutscher Angestellter in Peking fristlos vor die Tür. Die Deutschen bekamen von einem Tag auf den anderen keine Gehälter mehr, ihre Krankenversicherung wurde gekündigt und man drohte, die in Peking sehr hohen Mietzahlungen einzustellen.

„Wir standen plötzlich vor dem Nichts. In einem Land, in dem du die Sprache nicht sprichst“, sagt Frau Janssen. Weil sie schwanger war, nahm keine Krankenversicherung die Familie auf. Der Konzern weigerte sich, die Rückflüge und den Umzug nach Deutschland zu bezahlen. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass man so asozial mit seinen Mitarbeitern umgeht“, sagt die 30-Jährige. Weil ihr Mann mittlerweile einen Auflösungsvertrag unterzeichnet hat und sich vertraglich verpflichten musste, nicht mit der Presse zu sprechen, erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. BenQ China wollte sich auf Anfrage des Tagesspiegel nicht zu dem Fall äußern.

Niko Janssen hatte 1999 als Programmierer bei Siemens angefangen und sich hochgearbeitet. Im August 2005 schickte ihn die damals noch zu Siemens gehörende Handy-Sparte als Delegierten nach China. „Das war natürlich eine Chance“, sagt Frau Janssen. Wie es in solchen Fällen üblich ist, wurde das deutsche Arbeitsverhältnis für die Dauer des Auslandseinsatzes in einen Ruhezustand versetzt und ein bis 2008 gültiger lokaler Arbeitsvertrag mit BenQ China unterzeichnet. Die Janssens gaben ihre Wohnung in Köln auf, stellten ihre Möbel unter und suchten sich ein neues Zuhause in Peking. „Damals behandelte man uns noch fair“, sagt Frau Janssen.

Nach einem Monat in China gab Siemens den Verkauf der Handy-Sparte an BenQ bekannt. Während der taiwanesische Konzern versuchte, das verlustreiche Geschäft zu drehen, verschlechterte sich in der chinesischen Niederlassungen das Arbeitsklima. Die Mitarbeiter wurden angehalten, sich gegenseitig anzuschwärzen, erzählt Frau Janssen, die den chinesischen BenQ-Angestellten damals Deutschunterricht gab. Um die Kosten zu drücken, wurden deutsche Mitarbeiter mit Lokalverträgen aus dem Unternehmen gemobbt. Als im September schließlich die Insolvenz von BenQ Deutschland feststand, wollte der Konzern alle deutschen Mitarbeiter in China loswerden. Und das möglichst schnell.

Obwohl BenQ China eine eigenständige Tochterfirma des Mutterkonzerns in Taiwan ist, und von der Insolvenz in Deutschland eigentlich nicht betroffen ist, wurden die knapp 15 Deutschen fristlos gefeuert. Dabei kümmerten sich die taiwanesischen Manager weder um Kündigungsschutz noch um geltendes chinesisches Recht. Niko Janssen war zum Zeitpunkt seiner Kündigung krank geschrieben – bei einem Arbeitsunfall war seine Bandscheibe rausgesprungen und musste operiert werden. Plötzlich stand der 33-Jährige mit seiner schwangeren Frau und ihrer zweijährigen Tochter ohne Einkünfte und Versicherung in Peking. „Allein unsere Miete kostet 3000 Dollar im Monat“, sagt Frau Janssen.

Trotz ihrer Schwangerschaft versuchte sie wochenlang mit Medikamenten den Stress und die Existenzangst zu unterdrücken. Unter dem Druck unterzeichnete Niko Janssen schließlich einen Aufhebungsvertrag mit BenQ. Das Unternehmen erklärte sich jedoch nur bereit, einen kleinen Teil der Rückkehrkosten zu bezahlen. Die Familie musste ihre Konten in Deutschland bereits um mehrere Tausend Euro überziehen.

Die deutschen BenQ-Mitarbeiter haben vor einem chinesischen Gericht gegen die fristlose Kündigung geklagt. Da sie in China angestellt wurden und dort auch die Arbeitsverträge unterzeichnet haben, fallen sie unter chinesisches Recht. Das sieht in solchen Fällen Kündigungsfristen und Ausgleichzahlungen vor. Dieser Tage beginnt der Prozess in Peking. Familie Janssen weiß noch nicht wie es weitergeht. Niko Janssen sucht seit Wochen nach einer neuen Anstellung, um in China bleiben können. Wenn es nicht klappt, fliegt die Familie Ende Januar zurück nach Deutschland.

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