Wirtschaft : Auf vielen Wegen

Erzieher sind gesucht. Die Frage ist nur: Fachschule oder Studium?

Lara Sogorski
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-KlaasFoto: AFP

Dass sie in ihrem Beruf später im Sozialbereich, vor allem mit Kindern arbeiten möchte, war Nadima Tekin früh klar. Die 22-Jährige Berlinerin mit deutsch-syrischen Wurzeln entschied sich deshalb für eine Ausbildung zur Erzieherin und lernt bereits im dritten, also letzten Jahr. Momentan absolviert sie ihr Anerkennungspraktikum. Ihre Aussichten auf einen direkten Einstieg in den Erzieherberuf nach dem Abschluss sehen gut aus. Denn Fachkräfte in diesem Bereich sind in Berlin und Brandenburg derzeit stark gefragt.

Bis zum Jahr 2015 rechnet der Berliner Senat für Bildung, Wissenschaft und Forschung insbesondere für den Kita- und Hortbereich insgesamt mit zusätzlichen rund 8000 Fachleuten. „Vor allem wegen dem Kitaausbau für die Null- bis Dreijährigen, aber auch dem Ausbau der Ganztagsschulen brauchen wir viel Personal im Bereich der Kinderbetreuung", sagt Norbert Hocke, Leiter des Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Hinzu komme, dass in den kommenden Jahren viele ältere Erzieherinnen in den Ruhestand gingen und die Einrichtungen auch deshalb nach jungen Leuten suchten.

Der Weg dorthin führt in der Regel über die Ausbildung an einer Fachschule – noch. Denn andererseits gibt es die Möglichkeit, ein Studium der Kinderpädagogik zu belegen. Zwar ist dieser Bachelor hierzulande bislang noch wenig verbreitet. So gibt es insgesamt nur etwa zwölf grundständige Studiengänge, dagegen aber rund 420 Fachschulen. In den kommenden Jahren soll sich dieses Verhältnis laut GEW aber stärker ausgleichen. In Berlin bieten die Alice Salomon Hochschule, die Evangelische Hochschule Berlin und die Katholische Hochschule für Sozialwesen entsprechende Studiengänge an.

Ob die Fachschule oder doch ein Studium die richtige Wahl ist, hängt vor allem von den späteren Berufsvorstellungen ab. So gilt die Fachschule als Breitbandausbildung, weil man hier sowohl auf die Arbeit in Tageseinrichtungen für Kinder, in der Kinder- und Jugendarbeit als auch an Ganztagsgrundschulen vorbereitet wird. Dagegen bietet das Studium der Kindheitspädagogik vor allem eine Spezialisierung auf die Betreuung in den ersten drei Lebensjahren.

„Da die Anforderungen etwa durch die Einführung der Bildungsprogramme für den Elementarbereich gestiegen sind, brauchen wir heute auch Fachkräfte mit spezifisch frühpädagogischem Profil“, sagt Iris Nentwig-Gesemann. Die Leiterin des Studiengangs „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin betont die Wichtigkeit von frühpädagogischen Kenntnissen. So sei es zunehmend förderlich , die Bedeutung naturwissenschaftlicher und mathematischer Grunderfahrungen für Kindergartenkinder zu kennen, die Sprachförderung in den Alltag zu integrieren und Erziehungs- und Bildungspartnerschaften mit den Familien aufbauen zu können.

Deshalb seien Fachschulausbildung und Studium keine Konkurrenzangebote. „Am Ende gilt es, die hohen Ansprüche an die Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren mit multi-professionellen Teams zu erfüllen.“ Erzieher und Kindheitspädagogen arbeiten also zusammen, um ihre unterschiedlichen Kompetenzen zu verbinden. Allerdings: Bei der Einstellung von Bachelorabsolventen gibt es teilweise Vorbehalte. „Viele Einrichtungen sind skeptisch, ob sie im Studium genug Praxiswissen gesammelt haben“, sagt Norbert Hocke von der GEW.

Bessere Jobaussichten bieten sich für Hochschulabsolventen, wenn es beispielsweise um die Leitung einer Einrichtung geht. „In manchen Bundesländern wird für diese Aufgabe sogar ausdrücklich der Bachelor verlangt“, weiß Hocke. Zudem habe man damit die Möglichkeit, auch im Jugendamt, der Fachberatung oder der Kitafachaufsicht zu arbeiten, oder aber in die Forschung zu gehen. Je etwa ein Drittel entscheidet sich nach der Uni entweder direkt für den Einsatz in der Praxis, den Master oder die Forschungsarbeit.

Katharina Nikolai hat bereits alle drei Bereiche kennen gelernt: Nach dem Bachelor und Master an der Alice Salomon Hochschule und dazu zehn Jahren praktischer Arbeit hat sie die Seiten gewechselt, wie sie sagt. „Nun kann ich mich ohne 'Handlungsdruck' und gründlich mit pädagogischen Themen beschäftigen, Theorie und Praxis aufeinander beziehen, Vorgehensweisen und Hintergründe von Forschungsmethoden kennenlernen und ausprobieren“, sagt sie.

Zurzeit arbeitet sie an ihrer Promotion, in der sie Fachkräfte in Kitas zu ihrer Alltagspraxis befragt und sie während ihrer Arbeit mit den Kindern filmt. „Ich verstehe mich als Praxisforscherin, die mit der Fachpraxis kooperieren will, damit beide Seiten sich ergänzen, sich aber auch herausfordern und korrigieren können.“

Nadima Tekin dagegen will sich ausschließlich auf die praktische Arbeit konzentrieren und hat sich auch deshalb gegen ein Studium entschieden. Außerdem schätze sie die Arbeit in kleinen Klassen mit direktem Bezug zum Lehrer sowie den höheren Praxisbezug an der Fachschule sehr, sagt sie. So gehörten zu ihrer dreijährigen Vollzeit-Ausbildung an der ESO Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin drei Praktika über insgesamt 44 Wochen.

Für ihr Anerkennungspraktikum ist sie derzeit in einem Hort einer Grundschule im Einsatz. Dort betreut sie nach 14 Uhr die Kinder bei ihren Hausaufgaben oder unternimmt Ausflüge. Auch im Unterricht ist Tekin ab und zu dabei, um den Lehrer im Unterricht zu unterstützen, etwa wenn Schüler Probleme mit einer bestimmten Aufgabe haben. Dann setzt sich die 22-Jährige dazu und erklärt ihnen die Aufgabe Schritt für Schritt.

„Durch die vielen Praktika während der Ausbildung können die Auszubildenden einen engen Kontakt zu Einrichtungen knüpfen und erhöhen ihre Chancen damit enorm, schnell eine Stelle angeboten zu bekommen“, sagt Heike Gäßler, Leiterin der ESO Fachschule für Sozialpädagogik Berlin.

Geht es um den Verdienst, gibt es momentan noch keinen Unterschied. „Man landet automatisch in derselben Verdienstklasse, weil laut Tarifvertrag die Tätigkeit bezahlt wird nicht die Art der Ausbildung“, erläutert Hocke. Damit liegt das Einstiegsgehalt seit dem 1. August 2011 für eine volle Stelle bei 2087 Euro. Nach einem Jahr Praxis steigt der Verdienst auf 2291 Euro brutto an. Hocke fügt aber dazu, dass es immer weniger Vollzeitstellen gebe, das durchschnittliche Gehalt also noch darunter liege.

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