Wirtschaft : Aufatmen nach Zinssenkung in Europa

BERLIN (Tsp).Die Entscheidung der Bundesbank und der anderen Notenbanken der Euro-Teilnehmerländer vom Donnerstag, die Zinsen zu senken, ist auf unterschiedliche Reaktionen bei der Wirtschaft gestoßen.So sieht der Deutsche- Industrie- und Handelstag in Bonn keine unmittelbaren Auswirkungen der Zinspolitik auf die Wachstumsdynamik.Entscheidend für ein solides Wachstum und neue Arbeitsplätze sei vielmehr, daß die steuerlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft vernünftig gestaltet würden, sagte der DIHT-Chefvolkswirt Günther Albrecht am Donnerstag.

Auf der anderen Seite relativierten am Freitag führende Volkswirte in Europa auch die Auswirkungen der Zinssenkung auf die Boomländer unter den Euro-Teilnehmerländern wie Irland, Spanien, Portugal und die Niederlande.Billigeres Geld werde auch hier nicht zu Preissteigerungen führen - jedenfalls solange nicht, wie sich die Lohnsteigerungen in Grenzen hielten.Die Euroländer - mit Ausnahme Italiens - hatten am Donnerstag die wichtigsten Zinsen auf drei Prozent gesenkt.

Besonders inflationsgefährdet scheint die irische Wirtschaft.Irland rechnet für das kommende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 6,7 Prozent, die Teuerungsrate auf der grünen Insel lag mit 3,2 Prozent im August ebenfalls in der Spitzengruppe der Euro-Teilnehmerländer.So erklärte am Freitag der Chefvolkswirt der Irish Intercontinental Bank, Austin Hughes, daß der irische Finanzminister nun versuchen müsse, den Preisdruck unter Kontrolle zu bringen.Da die Löhne der wichtigste Kostenfaktor in der irischen Republik seien, müsse die Regierung mit Nachdruck dafür sorgen, daß die Wirtschaftspolitik keine weiteren Impulse für die Nachfrage gebe und damit Preissteigerungen auslöse.

Zur Situation in den Niederlanden meinte Theo Schonebeck, Volkswirt bei der Deutschen Morgan Grenfell, daß es im großen und ganzen kein Risiko gebe, daß sich die Inflation in Holland beschleunigen werde.Die Zinssenkung sei ein Zeichen, daß die europäische Wirtschaft an Schwung verliere und daß die Zeit übermäßiger Lohnsteigerungen vorbei sei.

Reimut Jochimsen, Mitglied des Zentralbankrates, meinte, daß nun der unmittelbare Druck von der Europäischen Zentralbank genommen sei und ein stetiges Handeln der EZB ermöglicht werde.Jochimsen forderte die Regierungen der Teilnehmerländer an der Währungsunion zu konstanter Haushalts- und Finanzpolitik auf.Wenn die Abstimmung in der Finanzpolitik nicht gelinge, werde es der europäischen Zentralbank sehr schwer fallen, die niedrige Zinspolitik beizubehalten.

Als Reaktion auf die Leitzinssenkungen in Europa haben am Freitag überraschend auch die Banken in Hongkong ihre Zinsen gesenkt.Der Bankenverband der chinesischen Finanzmetropole teilte mit, daß die Zinsen für Spareinlagen und Girokonten um 0,25 Prozentpunkte auf 4,50 Prozent gesenkt worden seien, die Zinsen für Kunden mit bester Bonität wurden ebenfalls zurückgenommen.Börsianer hatten in den vergangenen Tagen auf eine solche Zinssenkung - die vierte in diesem Jahr - spekuliert.

Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer sagte am Freitag in Luxemburg, die Gefahr einer weltweiten Finanzkrise sei derzeit gering.Auch wenn das weltwirtschaftliche Umfeld schwierig sei, gebe es in Europa keinen Grund, von einer fundamentalen Instabilität zu reden.Der robuste Zustand der europäischen und US-amerikanischen Volkswirtschaft spreche gegen solche düsteren Aussichten.Andererseits seien in der Weltwirtschaft Risiken entstanden, die allmählich auch das Wachstum in den westlichen Industriestaaten verlangsamten.

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