Wirtschaft : Aufblühende Landschaften

Zwischen Ostsee und Erzgebirge kommt die Wirtschaft allmählich in Schwung – und überflügelt mitunter sogar den Westen

Carsten Brönstrup,Flora Wisdorff

Berlin - Für Populisten ist Wahlkampf in den neuen Ländern derzeit eine einfache Sache. Ostdeutschland rutscht ab – 40 Prozent der 15 Millionen Bürger sind ohne Job, Landstriche veröden, wer kann, bricht auf in den Westen. Und jetzt auch noch die Hartz-Reformen – sie machen den Osten endgültig zum Armenhaus der Republik. Rufen zumindest Politiker und Gewerkschafter auf den Marktplätzen zwischen Uckermark und Erzgebirge den Wählern zu. Der Westen ist voller Mitgefühl. „Die Zurückgebliebenen leiden seelisch unter der anscheinend ausweglosen Arbeitslosigkeit“, beklagt Altkanzler Helmut Schmidt bitter.

Ist es tatsächlich so schlimm? Hat der Osten keine Perspektive? Ökonomen wollen von allzu düsteren Prognosen nichts wissen. „Die Lage ist gar nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird“, hat Joachim Ragnitz beobachtet, der am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) den Strukturwandel in den neuen Ländern erforscht. „Es wird bald mehr Investitionen geben“, glaubt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Und die Arbeitsmarktreform wird keinesfalls die Massen in Armut stürzen. „Es wird auch Gewinner geben“, versichert Marcel Thum, der das Ifo-Institut in Dresden leitet.

Nicht überall ist der Osten rückständig und pleite. Als Musterbeispiel gilt die Industrie: Die Bruttowertschöpfung explodierte in den neuen Ländern geradezu – sie stieg seit 1991 um 150 Prozent an. In den alten Ländern stagnierte das verarbeitende Gewerbe dagegen. Allein 2003 stieg die Warenausfuhr um 17,7 Prozent an, in diesem Jahr geht es weiter bergauf. „Die Industrie läuft seit geraumer Zeit besser als im Westen“, urteilt Allianz-Fachmann Heise. Grund sind die ultramodernen Werke von AMD in Dresden, Opel in Eisenach, Volkswagen in Mosel oder von Porsche und BMW in Leipzig. „Jetzt entsteht eine gute Basis für die Zukunft, die viele Zulieferer und Dienstleister anzieht und die Region wettbewerbsfähiger macht“, freut sich Heise.

Viele Betriebe in der Landwirtschaft lassen in puncto Produktivität die Konkurrenz in Bayern und Niedersachsen locker hinter sich. Und in der Luftfahrtbranche sei etwa Brandenburg mit den Standorten Dahlewitz oder Ludwigsfelde „besser als der Westen“, findet Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD).

Auch beim Tourismus legt der Osten mächtig zu – und der Westen verliert. Während etwa Bayern, die beliebteste Ferienregionen der Deutschen, seit 2001 sieben Prozent weniger Übernachtungen verzeichnet, meldet Mecklenburg-Vorpommern ein Plus von zwölf Prozent.

Zugleich kämpfen viele West-Betriebe mit Problemen – ihre Wettbewerbsfähigkeit ist angekratzt, die Produktion zu teuer. Der Osten steht mit seinen Kosten günstiger da – eine Arbeitsstunde in der Industrie ist um 38 Prozent billiger. Zudem arbeiten die Ostdeutschen im Schnitt 108 Stunden pro Jahr länger als ihre West-Kollegen. Grund genug etwa für Volkswagen, im Tarifstreit mit der IG Metall die Belegschaft dezent darauf hinzuweisen, dass die Konzernstandorte in Sachsen effizienter produzieren – und neue Modelle dort hergestellt werden könnten, sollten die Westler zu keinerlei Zugeständnissen bereit sein.

Der Wachstumsrückstand der Ex-DDR ist ohnehin statistischen Tücken geschuldet. Das hat laut „Spiegel“ jetzt die KfW-Bankengruppe errechnet: Ohne den Bausektor, der seit Mitte der Neunzigerjahre in einer tiefen Krise steckt, würde das Wachstum zwischen 1992 und 2003 im Schnitt bei 3,7 Prozent liegen. Die alten Länder hätten es nur auf 1,2 Prozent gebracht, so die Studie.

Der versteckte Aufschwung Ost ist auch eine Folge der verbesserten Standortbedingungen. So sei die Ausstattung mit Straßen und Schienen nun „durchaus konkurrenzfähig“, findet Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft. Das Radwegenetz gilt ohnehin als eines der besten in Europa. Röhl zufolge brauchten sich auch die Universitäten nicht zu verstecken. Ebenso gilt die Kinderbetreuung als top. Zwischen Holstein und Bayern gibt es nur für jedes sechste Kind einen Ganztagesplatz. Im Osten können dagegen 70 Prozent der Kinder von morgens bis abends durch den Hort toben.

Bis Osten und Westen gleichgezogen haben, werde es zwar noch dauern, sagen die Experten. Doch nicht mehr lange. „Für 2005 besteht eine gute Chance, im Wachstumstempo mit den alten Ländern gleichzuziehen“, sagt IWH-Konjunkturchef Udo Ludwig. Auch neue Jobs könnte es dann geben. Mit den Hartz-Reformen kämen die Leute schneller wieder in Arbeit, sagt Thum vom Ifo-Institut. „Damit werden auch neue Beschäftigungsfelder und Berufe entstehen, vor allem für gering Qualifizierte im Dienstleistungsbereich.“ Sein Kollege Ragnitz vom IWH glaubt sogar, dass es mit den einst versprochenen blühenden Landschaften noch klappt. „Zumindest in einzelnen Regionen, in Chemnitz, Leipzig und Dresden.“

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