Wirtschaft : Aufbruch zu neuen Ufern

BERLIN (uwe).Die ersten Mercedes-Vertriebsleute hängen Gardinen in ihren neuen Wohnungen auf, die Techniker bei Gillette bereiten ihre neuen Maschinen vor, die ab Herbst topmoderne Dreiklingen-Rasierer statt der bisher üblichen Doppeldecker für Deutschlands Bärte schleifen sollen.Die Manager von Coca Cola steuern seit einigen Wochen von Berlin-Mitte aus das Deutschland-Geschäft, bei debis werden Büromöbel geschleppt und Computer-Leitungen gezogen.Pünktlich zum September-Beginn wird auch die Industrie- und Handelskammer den Strukturwandel in Berlin dokumentieren: Statt des bescheidenen West-Berliner Funktionsbaus wird die Kammer in Zukunft in ambitionierter Architektur und repräsentativen Räumen logieren.Der Umzug ins "Gürteltierhaus" ist Symbol: für den Aufbruch in eine neue Zeit.

Doch begleitet wird der Start in die Zukunft von Abbrucharbeiten größeren Ausmaßes.Es sind vor allem die sogenannten Berliner Traditionsunternehmen, die in diesem Sommer Hiobsbotschaften aussenden.Der Chef der Berliner Volksbank sitzt wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft, dazu einer der aktivsten und offensichtlich auch windigsten Immobilienfonds-Betreiber der Stadt.Siemens macht in Berlin ernst, fordert Rendite vom Verkehrsbereich und hat seinen Verkehrsvorstand Martinsen gefeuert.Der Adtranz-Modellbetrieb in Pankow soll geschlossen werden, nur ein Teil der Mitarbeiter wird in Hennigsdorf einen neuen Arbeitsplatz finden.Die Königliche Porzellan Manufaktur (KPM) kann sich nur über Wasser halten, wenn sie ihre nicht mehr benötigten Immobilien an der Straße des 17.Juni verkauft, und auch Herlitz hat Mühe, seine fehlgeschlagenen Investitionen, allen voran das Rußland-Debakel, zu verkraften.

Die Chancen Berlins "liegen in der Verknüpfung zwischen Alt und Neu, zwischen produzierendem und dienstleistendem Sektor", sagt Wirtschaftsstaatssekretär Dieter Ernst.Doch der Spagat wird immer schwieriger: Nur wenige Industrieunternehmen setzen bei ihren Investitionen auf Berlin.Die allgemeine deutsche Investitionsschwäche der vergangenen Jahre - in Berlin wirkte sie doppelt fatal.Denn Berlins Wirtschaft tickt unter Sonderbedingungen: Die West-Berliner saßen - mit Subventionen gepolstert - jahrzehntelang im Treibhaus, die Ost-Berliner sollten die besonderen Leistungen des Arbeiter- und Bauernstaates in der Hauptstadt der DDR repräsentieren.Mit der Wiedervereinigung setzte ein Bereinigungsprozeß ein, der aber erneut unter atypischen Bedingungen stattfand.Die Treuhandanstalt, die Investitionsförderung, der Bauboom: All das ließ die wahren Probleme der Unternehmen in den Hintergrund treten.

Nun aber erholt sich die deutsche Wirtschaft - und die Berliner wachsen mit.Gillette läßt eine halbe Mrd.DM für seine dreifachen Klingen als Investitionen springen, General Electric will 13 Mill.DM für den übernommenen Berliner Betriebsteil von Elpro ausgeben.Daimler Benz hat mit knapp 100 Mill.DM seinen Standort in Marienfelde ausgebaut, um die Smart-Motoren dort bauen zu können.Doch richtige Neuansiedlungen in der Industrie gibt es kaum, im Gegenteil: Die meisten Flaggschiffe der Berliner Industrie stecken in einem Konsolidierungsprozeß: Rund 7000 Stellen hat Deutschlands größer Elektro-Konzern, die Siemens AG, seit 1992 in Berlin gestrichen.Momentan sieht es so aus, als ob die verbliebenen 18 000 Berliner Siemens-Beschäftigten nicht weiter um ihre Jobs fürchten müßten.Durch den Verkauf des Kabelwerks an den Reifen- und Kabelhersteller Pirelli sei kein weiterer Stellenabbau zu befürchten, hieß es jüngst zur Beruhigung der 540 Beschäftigten im Kabelwerk.Auch bei den anderen Konzern-Sorgenkindern in der Hauptstadt ist offiziell keine Gefahr für Jobs im Verzug.Doch das Turbinenwerk in Moabit sowie die Verkehrstechnik-Sparte mit ihrem Hauptsitz an der Spree stecken in akuten Schwierigkeiten.Und: Bei den ehrgeizigen Renditezielen, die Konzernchef von Pierer gesteckt hat, gibt es für keinen Standort eine Garantie.

Aufatmen dagegen bei Hagenuk.Lange hatten die ursprünglich gut 260 Beschäftigten gebangt.Der Konkurs der Mutter in Kiel, einst als Hoffnungsträgerin gefeiert, hatte Verteilungskämpfe zwischen der Belegschaft im Norden und den Mitarbeitern in Berlin ausgelöst.Denn die neue Herrin in Kiel, die Tiptel AG aus Ratingen, hatte nur einige Bereiche übernommen.An der Handy-Fertigung, die zwischen Kiel und Berlin aufgeteilt war, hatten die Ratinger kein Interesse.Erst Ende Juni kam für Berlin die gute Nachricht: Das Werk wird von dem italienischen Telefonhersteller Telital übernommen.120 Beschäftigte können bleiben, weitere 80 Mitarbeiter sollen im zweiten Halbjahr hinzukommen.Dafür entfällt in Kiel die Herstellung von Mobiltelefonen.

Kein Zweifel: Berlins Strukturwandel tritt jetzt in die entscheidende Phase.Der Verlust weiterer industrieller Arbeitsplätze ist programmiert.Doch Schwarzmalerei wäre fehl am Platze.Die Sanierungsanstrengungen von Siemens und Adtranz können dazu führen, daß die verbleibenden Jobs sicherer werden.Das ist kein Trost für die Beschäftigten, die gehen müssen, es schafft aber Hoffnung bei denen, die bleiben können.Und es gibt auch andere: Neue Unternehmen, die sich ganz bewußt für die Hauptstadt entscheiden, Firmen, die an der Spree aus der Wiege gehoben werden oder die von Stuttgart oder Köln nach Berlin ziehen.Sie alle sind Hoffnungsträger - für eine Stadt im Umbruch.

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