Wirtschaft : Auffanggesellschaften als Rettungsanker

CATRIN BIALEK

Von dem jüngsten Zusammenbruch des Reutlinger Telefonnetzes hat Jörg Stein regelrecht profitiert: "Wir konnten 60 Monteure an die Telekom verleihen", frohlockt der Reutlinger Rechtsanwalt.Die Monteure schufteten rund um die Uhr, bis die Telefonleitungen wieder standen.

Rund 5000 Arbeitnehmer stehen zur Zeit in Steins Kartei.Sie alle stammen aus pleitegegangenen oder rationalisierenden Unternehmen und haben vorerst - für maximal 24 Monate - Unterschlupf in der Auffanggesellschaft Mypegasus gefunden, die Stein und sein Anwaltskollege Peter Hunnekuhl 1994 ins Leben gerufen haben.Mannesmann, SEL, Grundig und AEG sind nur einige der Arbeitgeber, die ihre ehemaligen Mitarbeiter bei ihnen abgeliefert haben.Als der Vulkan-Verbund beispielsweise Konkurs anmeldete, wanderte eine Großteil der Werftarbeiter zur Auffanggesellschaft Mypegasus und wickelte von dort aus Aufträge in Milliardenhöhe für den ehemaligen Arbeitgeber ab.Die Bundesanstalt für Arbeit schickte daraufhin ein Dankesschreiben an die Rechtsanwälte.

Die Erfolgsbilanz dieser Auffanggesellschaft kann sich tatsächlich sehen lassen: Drei von vier Personen sind nach ihrer Mypegasus-Zeit nicht mehr arbeitslos, mehr als die Hälfte der Mitarbeiter konnte bislang sogar neue und unbefristete Arbeitsverträge unterschreiben.Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Stein und Hunnekuhl sind mittlerweile routiniert - zwischen 1991 und 1994 haben sie rund 260 000 ostdeutsche Arbeitnehmer durch ihre damals gegründeten Beschäftigungsgesellschaften geschleust.

Auffanggesellschaften gibt es seit Anfang der 80er Jahre, im stärkeren Ausmaß allerdings erst seit der Wiedervereinigung.Sie bilden sich im Grunde immer dort, wo Strukturwandel stattfindet.Statt Arbeitslosenunterstützung zahlt dann das Arbeitsamt den freigestellten Arbeitnehmern Kurzarbeitergeld, und die verschlankten Unternehmen stellen zudem häufig eine Grundfinanzierung bereit.Der Vorteil einer solchen Gesellschaft: Die Mitarbeiter müssen noch nicht mit dem Stigma der Arbeitslosigkeit leben und können sich überdies weiterbilden oder gar umschulen lassen.Auch die Unternehmen profitieren, denn sie können auf teure Sozialpläne verzichten.

Etwa 360 solcher Gesellschaften gibt es zur Zeit in Deutschland, schätzt Rechtsanwalt Hunnekuhl.Im Osten sei der Markt allerdings unübersichtlich, viele Arbeitnehmer würden dort kein Kurzarbeitergeld erhalten, sondern hätten Stellen für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.Während sich westdeutsche Gesellschaften vor allem darum kümmerten, die Mitarbeiter wieder in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern, würden die Stellen im Osten dauerhaft subventioniert und somit zu einem Instrument des zweiten Arbeitsmarktes werden.

Die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt ist aufwendig: Bei Mypegasus werden die Neuzugänge zunächst eingenordet, die anstehende Qualifizierung in die Wege geleitet, der örtliche Arbeitsmarkt abgesucht - und über eine eigene Zeitarbeitsfirma werden die Arbeitnehmer an andere Unternehmen ausgeliehen.Das Verleihen der Arbeitnehmer für befristete Arbeiten wird jedoch durchaus nicht immer gerne gesehen."Das führt doch nur zu Personalabbau an anderer Stelle", moniert Wilhelm Adamy, Leiter der Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund.Mypegasus-Alleingesellschafter Hunnekuhl verteidigt hingegen sein Konzept: "Durch die Zeitarbeit werden Leute in Unternehmen gebracht, wo sie sonst vielleicht noch nicht mal ein Bewerbungsgespräch bekämen."

Unter dem Dach einer Auffanggesellschaft werden unterschiedliche Projekte angesiedelt - von Qualifizierungsmaßnahmen bis hin zur Erschließung wirtschaftlich tragfähiger Bereiche.Reine Schulungen bietet zum Beispiel das Arbeits- und Bildungszentrum (ABZ) ihren Arbeitnehmern.In der Berliner Beschäftigungsgesellschaft - eine von insgesamt fünf in der Hauptstadt - fanden Anfang Mai dieses Jahres 278 Mitarbeiter der in Konkurs gegangenen Hagenuk Telecom Unterschlupf.120 von ihnen konnten zwei Monate später zu dem italienischen Telefonhersteller Telital gehen, der die Hagenuk-Mobilfunksparte übernommen hat; der Rest übt im Trockenlauf Bewerbungsgespräche, nimmt an Qualifizierungsmaßnahmen teil - und sitzt zuhause und wartet."Sie haben hinterher bessere Chancen", sagt ABZ-Geschäftsführerin Gabriele Schreiber.Auffanggesellschaften sind aber nicht immer ein Hort der friedlichen Fortbildung.Zuweilen kracht es auch ganz gehörig, wie beispielsweise bei der Berliner Arbeitnehmerqualifizierungsgesellschaft (AQB).Dort wurden Ende 1995 etwa 70 entlassene Telefunken-Mitarbeiter untergebracht.Gut ein Jahr später versiegten die Gehaltszahlungen.Die versprochenen Qualifizierungsmaßnahmen fanden nie statt, die Geschäftsführung interessierte sich nur für dubiose Projekte im Ausland, aus denen aber nie etwas wurde.Mißtrauen unter den Arbeitnehmern machte sich breit und schließlich erstatteten sie Strafanzeige gegen die Geschäftsführung."Persönliche Bereicherung" unterstellt einer der Arbeitnehmer den Geschäftsführern.

In ihrem Kampf fühlen sich die betroffenen Arbeitnehmer vom Senat schmählich im Stich gelassen: Obwohl Berlins Arbeitssenatorin Christine Bergmann das AQB-Modell zu Beginn als "gelungenes Projekt unternehmensorientierter Arbeitsmarktpolitik" lobte, versagte sie den Betroffenen später alle Hilfe.Auch das Arbeitsamt, das an der Finanzierung beteiligt war, wollte später von Mitverantwortung nichts mehr wissen.Den nunmehr vollständig arbeitslosen AQB-Angehörigen bleibt heute nur noch die Hoffnung auf die Gerichte und mögliche Schadensersatzzahlungen.

Besser hatten es da die 15 ehemaligen Telefunken-Mitarbeiter, die sich in einem eigenen Betrieb, der Emotec AG, neue Stellen schufen.Elf von ihnen brachten gemeinsam 110 000 DM ein und wurden somit selbst Unternehmer.Aber auch diese Wirtschaftsgesellschaft kommt ohne Subventionen nicht aus: Von den heute 23 Mitarbeitern werden 15 mit insgesamt 20 000 DM monatlich vom Staat unterstützt.Dennoch sind die Erfolge von Emotec nicht von der Hand zu weisen: Jährlich werden gut 2,5 Mill.DM mit dem Bau von Sendern und Anlagen umgesetzt.Nur die Gewinnzone hätten sie bislang nicht errreicht, gibt Vorstand Siegfried Rogahn zu.

Je mehr Verantwortung die Arbeitnehmer tragen, desto engagierter arbeiten sie meist auch.Dies ließ sich nicht zuletzt bei der 1994 gegründeten Münchner Ditec Informationstechnologie AG feststellen.Weil dem US-Konzern Digital Equipment die Sozialpläne für 1500 entlassene Mitarbeiter zu aufwendig waren, hoben sie eine Mitarbeitergesellschaft aus der Taufe.Sie zahlten eine Anschubfinanzierung in Höhe von 140 Mill.DM - diesen Betrag hätten sie den Mitarbeitern als Abfindung zahlen müssen - und die Mitarbeiter wurden Aktionäre von Ditec."Sie wußten erst nicht, was sie tun sollten", beschreibt Vorstand Wolfgang Stübich die anfängliche Unsicherheit.Aber sie hatten Glück, erbten von der Mutterfirma Geschäftsfelder und konzentrierten sich zunehmend auf Software-Lösungen für den Mittelstand, technischem Service sowie Bildungszentren.

Ditec achtete auf die Zeichen der Zeit, merkte, daß eine Belegschaft von mehr als tausend Mitarbeitern zu groß war, und forcierte mehrere Management-Buy-Outs; heute sind nur noch 565 Arbeitnehmer bei Ditec beschäftigt.Der Umsatz erhöhte sich im vergangenen Geschäftsjahr um zehn Prozent auf 146,5 Mill.DM.Der Mut der Arbeitnehmer hat sich ausgezahlt, dies würdigte nun auch der Bundespräsident Roman Herzog: Unter dem Motto "Mutige Unternehmer braucht das Land" zeichnete er Ende Juli die Arbeitnehmer von Ditec für das "sozialste Organisationsmodell" aus.

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