Wirtschaft : Aufholjagd des gelben Reiseriesen C & N

ROLF OBERTREIS[FRANKFURT (MAIN)]

Zusammenschluß von Condor und NUR machen aus dem Tourismus-Markt ein Duopol / Scharfe Konkurrenz für TUI und LTUVON ROLF OBERTREIS, FRANKFURT (MAIN)

Die Konzentration in der deutschen Reisebranche geht mit Riesenschritten weiter.Und doch hat bislang nur das Kartellamt Bedenken.Bank-Analysten gewinnen dem Zusammenschluß des Ferienfliegers Condor mit dem Reiseveranstalter NUR Touristic nur Positives ab."Das macht in jeder Beziehung Sinn", sagt Uwe Weinreich von der BHF Bank.Sogar Leonhard Reeb, Geschäftsführer des Deutschen Reisebüro-Verbandes (DRV), spricht von Vorteilen für den Verbraucher, eventuell gebe es sogar günstigere Preise.Mittelständische Reiseveranstalter hätten weiter ihre Chance - mit Nischenprodukten. Die Aufteilung des Massenmarktes aber ist Fakt.Nach monatelangen Verhandlungen haben sich Karstadt-Chef Walter Deuss und Jürgen Weber, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa auf die Zusammenführung ihre Töchter Condor und NUR Touristic geeinigt.Am 17.September sollen die Aufsichtsräte beider Unternehmen das Konzept für die neue C&N Touristic AG mit Sitz in Frankfurt absegnen.Entstehen soll eine Holding, die mit jeweils 90 Prozent an Condor und NUR beteiligt ist.Die Anteile der Holding halten zu je der Hälfte Lufthansa und Karstadt, die Airline wird mit zehn Prozent bei Condor mitmischen, Karstadt mit zehn Prozent bei NUR.Am 1.November soll das größte deutsche Reiseunternehmen seine Arbeit aufnehmen.Querschießen könnte nur das Bundeskartellamt, bei dem Condor und NUR ihr Vorhaben in der vergangenen Woche angemeldet haben. Dort gibt es zumindest Bedenken gegen die Fusion.Der Grund liegt auf der Hand: Mit C&N auf der einen Seite - dem sogenannten gelben Lager - und der Touristik Union International (TUI) in Verbund mit dem Ferienflieger LTU auf der anderem Seite - dem roten Lager - entfallen 60 Prozent des Pauschalreisemarktes in Zukunft auf die beiden Reiseriesen.Zum gelben Lager gehören neben NUR, Bucher-Reisen, Air Marin Flugreisen, Fischer-Reisen, Kreutzer-Reisen sowie Öger-Tours.Zum roten Lager neben TUI, die LTU, deren Touristik-Sparte und die Reiseveranstalter Air Conti, Seetours, Wolters Reisen und Airtours.Zusammengehalten wird das "rote Lager" durch die West LB, die mit 30 Prozent an der TUI und 34 Prozent an der LTU beteiligt ist.West LB-Chef Friedel Neuber verfolgt schon seit längerem das Ziel, einen großen Touristik-Konzern zu formen, will gar sienen Einfluß beim Großveranstalter Hapag Lloyd ausdehnen.Für Außenstehende sind die sich dabei ergebenden Verschachtelungen kaum mehr zu durchschauen.Für Condor und NUR war es offenbar ein Grund, näher zusammenzurücken.Weil das "rote Lager" bislang einen Vorsprung hatte, äußerte der Tourismus-Experte des Kartellamtes vorab schon mal Verständnis für das Zusammengehen von Condor und NUR.Es sei eine "Aufholfusion". Längst ist die Rede von einem neuen "Duopol", das die deutsche Reisebranche beherrscht und auch in Europa ein gewichtiges Wort mitredet.Die neue C&N Touristic käme auf einen Umsatz von 6,8 Mrd.DM, TUI International brachte es im Geschäftsjahr 1995/96 auf 7,7 Mrd.DM, nur auf in Deutschland verkaufte Reisen bezogen waren es 5,5 Mrd.DM.Damit bleiben in der Reisebranche außer den beiden neuen Riesen als größere Veranstalter nur ITS, der zu REWE gehört, Alltours und DER Tour, der von der Deutschen Bahn und Lufthansa getragen wird. Angesichts dieser Machtballung auf dem Reisemarkt stehen die Chancen für mittelständische Veranstalter möglicherweise nicht zum Besten.Trotzdem betrachtet man beim DRV den jüngsten Zusammenschluß gelassen.Für den Verbraucher würden sich sogar Vorteile ergeben, sagt Geschäftsführer Reeb, weil alle Reiseleistungen aus einer Hand angeboten würden.Das schaffe mehr Sicherheit.Reeb sieht sogar Chancen für sinkende Preise.Um mittelständische Veranstalter ist ihm nicht bange.Es gebe genügend Nischen.Deswegen erwartet Reeb nicht, daß das Kartellamt Lufthansa und Karstadt dazwischenfunkt. Analysten in Frankfurt sehen die enge Verflechtung von Condor und NUR positiv.Bei Condor würden die Preise stabilisiert, zumal die Geschäfte mit der TUI immer schwieriger geworden waren.NUR verfüge jetzt praktisch über eine eigene Airline.Damit verbesserten sich die Erträge.Schließlich entfalle der Preisdruck, den sich NUR, Kreutzer oder Fischer bislang gegenseitig gemacht hätten.Daß die Berliner Wettbewerbshüter Einspruch erheben kann sich BHF-Analyst Weinreich nicht vorstellen."Der Konzentrationsprozeß in der Reisebranche läuft seit zehn Jahren, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich oder Großbritannien." Es könne allenfalls die Auflage geben, daß C&N keine weiteren Reiseveranstalter übernimmt.Sehr viele gibt es ohnehin nicht mehr.

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