Wirtschaft : Aufklärung zahlt sich in der Krise aus

INGO NARAT (HB)

"Weiter so", lobt Manfred Mathes die Privatanleger.Auf die Kursrückschläge im August und September hätten sie richtig reagiert, meint der Geschäftsführer der Union-Investment.Auch die vier anderen großen deutschen Investmentgesellschaften melden ein vielleicht verblüffendes Anlegerverhalten: Die privaten Investoren nutzten die Krise - und damit gesunkene Aktienkurse - zum preiswerteren Nachkauf, ließen sich von den Turbulenzen also nicht zu Anteilsrückgaben hinreißen.Das ergab eine Handelsblatt-Umfrage unter den fünf großen deutschen Investmentgesellschaften.

Die mehrheitlich von den Volks- und Raiffeisenbanken getragene Union-Gruppe nennt für die erwähnten Monate ein Netto-Mittelaufkommen bei Aktienfonds in Höhe von fast 1,4 Mrd.DM.Die übrigen großen Vier - DIT, Deka, DWS und Adig - haben ebenfalls netto jeweils über 1 Mrd.DM eingesammelt.Die Favoriten: Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Europa, teilweise auch die in Deutschland investierenden Produkte.

Mathes liest aus dem Verhalten heraus, daß immer mehr Anleger Aktienfonds als langfristiges Investment verstehen."Wer sie nicht mindestens fünf Jahre halten will, sollte sie keine fünf Minuten besitzen", lautet seine Botschaft.Der Anleger sei mit einer Langfriststrategie mit regelmäßigen Einzahlungen in Fonds am besten bedient.Auf "Timing"-Versuche solle er lieber verzichten: "Den höchsten Kurspunkt zum Ausstieg und den niedrigsten zum Einstieg erwischt man ohnehin nie." Ähnlich beurteilt Christian Strenger das Anlegerverhalten.Als Geschäftsführer der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutsche-Bank-Gruppe, unterstreicht er das Lob: "Die Privaten verhalten sich disziplinierter als die institutionellen Anleger, vor allem als die ausländischen Großinvestoren." Er findet zwei Erklärungen für die Nachkäufe.Zum einen machten sich die Erfahrungen bemerkbar, daß Kursrückschläge immer nur vorübergehender Natur gewesen seien.Zum anderen zahle sich die Aufklärungsarbeit der Bankberater aus, die Aktien und Fonds als langfristige Anlage verkaufen würden.

Ralf Bendheim hält es für wichtig, daß sich die Anleger nicht von der täglichen Hektik an den Finanzmärkten anstecken lassen.Nach Ansicht des Geschäftsführers des zur Dresdner Bank Investmentgruppe gehörigen DIT zeigt die Krise, daß die Streuung der Anlagemittel im Aktienbereich - etwa über Regionen wie Europa und Amerika - letztendlich doch keinen Schutz vor extremen Kursrückgängen bietet.Bendheim warnt deshalb davor, daß häufig gelobte "antizyklische" Anlegerverhalten, also im aktuellen Fall den Nachkauf bei Kursrückschlägen, als immer richtig zu verstehen."Was stark gefallen ist, kann auch noch weiter fallen." Ein zu früher Einstieg könne leicht bestraft werden."Keine im Verhältnis zum Gesamtvermögen zu große Wette eingehen", so seine Empfehlung.Bendheim leitet daraus ab: Eine dem persönlichen Risikoprofil entsprechende Aufteilung der Vermögensmittel auf Aktien-, Anleihen- und Geldmarktfonds finden - und durchhalten."Wer vor der Krise mit einem Mix von 30:60:10 zufrieden war, kann sich zurücklehnen und wird nicht nervös werden müssen", meint der DIT-Stratege.Eine solche Struktur biete zum einen Schutz vor Aktienkursrückschlägen.Sie sei zum anderen eine psychologische Hilfe: "Die meisten Menschen vertragen in einer Baisse keine 100prozentige Aktienquote."

Christian Humbert gibt dem Anleger konkrete Produktempfehlungen: "An den europäischen Aktienmärkten sind Nachkäufe sinnvoll, aber man sollte das Pulver nicht ganz verschießen", rät der Geschäftsführer der Adig, der Fondsgesellschaft von Vereinsbank und Commerzbank.Er setzt auf gemischte europäische Fonds.Wer risikoempflindlich sei, solle auf Garantiefonds ausweichen.Laut Hans Peter Roemer bieten die europäischen Märkte mittelfristig wieder gute Einstiegschancen.Allerdings dürfen dem Geschäftsführer der Deka Kapitalanlagegesellschaft zufolge die Anleger nicht auf ein Ende der nervenbelastenden Kursschwankungen hoffen.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben