Wirtschaft : Aufräumen in Gütersloh

-

Von Henrik Mortsiefer

Bertelsmann wird immer langweiliger. Der größte deutsche Medienkonzern steigere seine Ertragskraft „mit konzernweiten Bemühungen um Kostenkontrolle, Qualität und verbesserte Performance“, erklärt Vorstandschef Gunter Thielen. So könnte auch Florian Gerster die Reform der Bundesanstalt für Arbeit beschreiben. Doch die vermeintliche Langeweile in der Gütersloher Zentrale täuscht. Hinter der nüchternen Fassade geht es zur Sache: Thielen räumt auf.

Die roten Zahlen, die er am Donnerstag für das dritte Quartal präsentierte, sind das alarmierende Zeichen dafür, dass Aufräumarbeiten bei Bertelsmann dringend nötig sind. Die fetten Jahre 2000 und 2001, in denen Thielens Vorgänger Thomas Middelhoff mit großer Geste expandierte, werfen einen langen Schatten auf das Krisenjahr 2002. Die riesigen Abschreibungen in der Bilanz zeugen vom Investitionsfieber der Vergangenheit, die Milliardenerlöse aus dem Verkauf von Anteilen an den InternetUnternehmen AOL Europe und Mediaways versiegen langsam, die Schulden steigen. Allein der mit drei Milliarden Euro völlig überteuerte Kauf der Plattenfirma Zomba, den noch Middelhoffs Vorgänger einfädelten, reißt ein tiefes Loch. 1,7 Milliarden Euro müssen aktuell auf Firmenwerte oder Rechte jetzt abgeschrieben werden – fast fünf Mal so viel wie im Vorjahr.

Thielens Aufräumarbeiten offenbaren nun die Schwächen im operativen Geschäft – vor allem in der Musiksparte und bei den Buchclubs. Zu hoffen, das Weihnachtsgeschäft mit CDs und Büchern werde rote Zahlen in schwarze verwandeln, grenzt angesichts des Käuferstreiks und der desolaten Lage im Einzelhandel an Wunderglaube. Thielen muss mehr tun. Die Schließung des defizitären Online-Buchladens BOL und die Umwidmung des Internets vom Glücksbringer zum Vertriebskanal sind ein Anfang. Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Das ist langweilig, aber Bertelsmann hat keine Alternative.

0 Kommentare

Neuester Kommentar