Wirtschaft : Aufruhr im Krankenhaus

Marburger Bund setzt den Ärztestreik fort und stellt die Einheitsgewerkschaft in Frage. Konflikt mit Verdi spitzt sich zu

Arvid Kaiser

So schnell gibt der Marburger Bund nicht klein bei. Im Gegenteil, die Vertretung der angestellten Ärzte, will den Ärztestreik an den kommunalen Krankenhäusern in der kommenden Woche ausweiten und am Mittwoch in München erneut demonstrieren. Und der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery, droht der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nun offen mit Konkurrenz. „ Wenn wir diese Auseinandersetzung beendet haben, könnte ich mir vorstellen, dass wir alle medizinischen Verbände um uns herum gruppieren zu einer Gesundheitsgewerkschaft“, sagte er dem „Focus“. „Wir wollen das Allmachtsprinzip der großen Gewerkschaften aufbrechen.“ Den Alleinvertretungsanspruch der DGB-Gewerkschaft in den Krankenhäusern wies er zurück: „Wir kämpfen gegen die Ver.diktatur.“

Der Marburger Bund forderte ursprünglich eine Gehaltssteigerung von rund 30 Prozent. Die Streiks der Ärzte ziehen sich nun bereits seit sieben Wochen hin und hatten am Mittwoch mit rund 15 000 Teilnehmern in Hannover ihren bisherigen Höhepunkt erreicht.

Verdi aber hatte sich bereits am vergangenen Dienstag mit den Arbeitgebern auf einen neuen Tarifvertrag für die Ärzte geeinigt. Nach Angaben von Verdi werden in Zukunft die Bereitschaftsdienste neu geregelt und besser bezahlt. Die Ärzte bekämen nun bei einer 40-Stunden-Woche durchschnittlich zehn Prozent mehr Gehalt. Doch Marburger-Bund-Vorsitzender Montgomery sieht das anders. Verdi habe mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) ein „mafiöses Komplott“ abgeschlossen. So habe Verdi nicht wie behauptet zehn Prozent mehr Gehalt ausgehandelt – sondern zwölf Prozent weniger. „Ich bin erschrocken, wie hier gelogen wird“, sagte Montgomery. Sein Stellvertreter Rudolf Henke ergänzt: „Wenn die tatsächlich ausbezahlten Gehälter um zehn Prozent erhöht werden, ist der Marburger Bund dabei.“

Doch es geht nicht ums Geld allein. „Hier entscheidet sich die Zukunft der Einzelgewerkschaft“, sagt Horst-Udo Niedenhoff vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Nachdem die DGB-Gewerkschaften immer größer und anonymer geworden seien, gebe es nun einen Trend zu Berufsgewerkschaften. Angestoßen habe ihn die kleine Pilotenvereinigung Cockpit, die 2001 gegen die Lufthansa 30 Prozent mehr Gehalt durchsetzte. Mit dem Marburger Bund führe nun erstmals eine große Berufsgruppe Tarifverhandlungen unabhängig von der Einheitsgewerkschaft. „Die Mitglieder fühlen sich in Spezialgewerkschaften besser aufgehoben, weil ihre Interessen zur Geltung kommen“, sagt Niedenhoff. Derzeit gebe es rund 150 Gewerkschaften in Deutschland. Ihre Zahl werde zunehmen, aber mit weniger Mitgliedern. Aus Arbeitgebersicht ließen sich die Arbeitnehmerorganisationen dann leichter spalten, aber schwieriger einbinden.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) rief derweil den Marburger Bund und Verdi auf, ihren Konkurrenzkampf im Tarifpoker an den Kliniken beizulegen. „Die Trennung der Gewerkschaften in diesem Bereich ist eher schädlich“, sagte sie.

Verdi spart nicht mit Kritik. Verdi- Sprecher Jan Jurczyk sieht den Marburger Bund auf einem „Sonderweg“. Der Vorstand sei von Gruppen unzufriedener Assistenzärzte „getrieben“. Den Krankenhausärzten komme momentan zugute, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt seien. Doch langfristig sei eine gemeinsame Interessenvertretung aller Berufsgruppen wirksamer. Verdi befürchtet, dass die übrigen Beschäftigten die Mehrausgaben für Ärzte bezahlen müssen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft nährt diese Angst mit dem Hinweis auf den Sparzwang im Gesundheitswesen: Ein zehnprozentiger Gehaltszuwachs für alle Krankenhausärzte würde rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr kosten – die Budgets der Krankenhäuser dürften aber per Gesetz nicht um mehr als 300 Millionen Euro steigen, also müsse an anderer Stelle gespart werden.

Den Vorwurf, die Arbeitnehmerseite zu spalten, weist der Hauptgeschäftsführer des Marburger Bundes Armin Ehl zurück. „Alle Menschen sind gleich“, sagt er, „aber in der Verantwortung gibt es eben doch Unterschiede“. Dass Ärzte die „Leistungsträger“ im Krankenhaus seien, werde von den anderen Berufsgruppen auch anerkannt. Tarifforscher Niedenhoff sagt den Ärzten sogar Nachahmer voraus: „Die Krankenschwestern und -pfleger werden sich sagen, warum gründen wir nicht auch einen eigenen Verband.“

Derweil erhöht der Marburger Bund den Druck auf die Arbeitgeber durch „Insellösungen“: Nach eigenen Angaben hat er bereits mehr als 50 Verträge mit einzelnen Städten und Kreisen geschlossen.

Verdi sieht den Konflikt gelassener. Der Marburger Bund werde den Ärztestreik bald beenden. „Das ist nur noch eine Frage von Wochen“, sagte Verdi- Sprecher Jurczyk. Dann werde der Marburger Bund mit den Arbeitgebern einen ähnlichen Tarifvertrag aushandeln wie Verdi und der Beamtenbund bereits am vergangenen Dienstag. „Der Marburger Bund steht vor dem Problem, wie er die Leute wieder von der Palme bringt.“

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