Aufs Fahrrad : Mit Rückenwind

Die Branche startet mit Elan in die neue Saison: Nach mageren Jahren wollen Industrie und Handel von Klimadebatte und Konsumlust profitieren.

Henrik Mortsiefer
Grafik: Tsp/ Kroupa

Sie sehen gut aus. Sie sind umweltfreundlich. Und man braucht keinen Helm, keine Versicherung und kein Nummernschild. E-Bikes, Fahrräder mit Elektroantrieb, haben im vergangenen Jahr die Marktnische verlassen. Dank besserer Antriebstechnik und kleinerer Batterien sind sie alltagstauglich geworden. 65 000 wurden in Deutschland 2007 verkauft, bis zu 100 000 sollen es in diesem Jahr werden. Und das bei Kosten zwischen 800 und 4000 Euro.

Auf dem Sattel batteriebetriebener Zweiräder versucht die deutsche Fahrradindustrie, im Wettbewerb mit Billigimporteuren aus Asien und Osteuropa im Rennen zu bleiben. Zwar machen Elektroräder nur 1,5 Prozent des Marktes aus – das Wachstum ist aber beachtlich. Und Wachstum braucht die Branche. Mit 67 Millionen Fahrrädern, die deutsche Haushalte bewegen (oder im Keller dauerparken), ist Europas größter Fahrradmarkt fast gesättigt. Außerdem sind die Deutschen – verglichen mit Holländern und Dänen – faul. Die jährliche Fahrleistung der Nachbarn liegt mit 1000 Kilometern fast drei Mal so hoch wie hierzulande.

Auch über die Klimadebatte sollen neue Käufer erreicht werden: „Jeder mit dem Fahrrad anstelle mit dem Pkw zurückgelegte Kilometer entlastet die Umwelt um circa 140 Gramm CO2“, rechnet Rolf Lemberg, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV), vor. Für den Stadtverkehr oder den Weg zur Arbeit seien E-Bikes eine „unschlagbare“ Alternative zum Auto – zumal die Hälfte aller täglichen Autofahrten laut ZIV nur maximal sechs Kilometer dauerten.

Mit Beginn des Frühlings fällt der Startschuss für die neue Fahrradsaison. Weil Ostern im Schnee versank, hoffen die 6000 Händler jetzt auf Sonne in Deutschland und milde Temperaturen. „Wenn der Fachhandel die Kunden früh heiß macht und die Beratung stimmt, sitzen auch die Euros lockerer“, sagt Markus Lehrmann, Geschäftsführer des Verbands des Deutschen Zweiradhandels (VDZ). Fast 60 Prozent aller Fahrräder werden im Fachhandel verkauft, 78 Prozent des Umsatzes werden hier erzielt. Bei den Händlern muss also der Konsumschub 2008 ankommen. Gerne bedient man sich da bei Trendforscher Matthias Horx, der in seinem „Trend-Report“ für 2008 eine „Bike-Mania“ voraussagt. Die ist nach dem WM-Jahr 2006 und einem verregneten Sommer 2007 willkommen.

Immerhin, im vergangenen Jahr wurden laut ZIV 4,6 Millionen Räder in Deutschland verkauft, rund vier Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz stieg um knapp neun Prozent auf rund 1,7 Milliarden Euro. Etwa die gleiche Summe kam im Zubehör- und Servicegeschäft hinzu. Bei einem nur leicht gestiegenen Durchschnittspreis von 368 Euro pro Fahrrad bleibt indes wenig beim Handel hängen. „Mit hochwertigen Rädern ist es einfacher, eine vernünftige Marge zu erwirtschaften“, sagt ZIV-Geschäftsführer Lemberg. In diesem Jahr werden die Räder wegen höherer Material- und Energiekosten um gut zehn Prozent teurer.

Einkaufskooperativen wie die Kölner ZEG, Europas Nummer eins mit 960 angeschlossenen Zweiradfachmärkten, erhöhen den Preis- und Werbedruck mit Billigangeboten. In TV- Spots vor der Tagesschau wird für gut ausgestatte Fahrräder für weniger als 400 Euro geworben. „Das ist schon was“, sagt Markus Lehrmann vom Handelsverband, der den Preis für ein gutes Komfortrad bei 700 Euro sieht. „Der preisaggressive Wettbewerb nimmt zu.“ Für rund 300 Händler und etliche deutsche Hersteller (Vaterland, Kynast, Enik oder Biria) war das zu viel. Sie mussten aufgeben. Ein Viertel der Aktien der an der Börse abgestürzten Mifa Mitteldeutsche Fahrradwerke AG hat sich der Finanzinvestor Lone Star einverleibt.

Aus heimischer Produktion stammten 2007 noch 2,4 Millionen Räder, 90 000 weniger als 2006; der Import zog um 300 000 auf rund 2,8 Millionen an. Aus Taiwan, Polen, Thailand, Litauen, Indonesien oder China werden die meisten Räder eingeführt: knapp 1,7 Millionen. Komponenten, die deutsche Hersteller verarbeiten, stammen in der Regel aus Asien.

Der Kostenvorteil bei Bremsen, Schaltungen oder Laufrädern schmilzt indes. Der ZIV beklagt „gigantisch gestiegene Rohstoff- und Frachtkosten“. Auch die Löhne seien in China angehoben worden, hinzu käme die dortige Inflation. ZIV-Geschäftsführer Lemberg blickt deshalb mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Für diese Saison seien die Fahrradpreise auf den letzten Herbstmessen schon festgelegt worden. „2009 wird aber problematisch“, sagt er. „Dann wird es einen deutlichen Preissprung geben.“ Die Horx’sche „Bike-Mania“ könnte schnell vorbei sein.

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