Aufschwung : Arbeitnehmer wollen sechs Prozent mehr

Hohe Gewinne und großer Nachholbedarf: Die Arbeitnehmer wollen endlich am Aufschwung teilhaben - und zwar durch alle Reihen.

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Protest. Die Chemiegewerkschaft IG BCE will in den kommenden Tagen ihre Tarifforderung für die Branche bekannt geben. In Essen riefen vergangene Woche Mitarbeiter des Energiekonzerns RWE zu Demonstrationen auf – auch hier geht es um höhere Löhne. Foto: dapd
Protest. Die Chemiegewerkschaft IG BCE will in den kommenden Tagen ihre Tarifforderung für die Branche bekannt geben. In Essen...Foto: dapd

Berlin - Endlich geht’s los. In den kommenden Tagen gibt es die Lohnforderung für die 550 000 Beschäftigten der chemischen Industrie. Und auch für die 100 000 VW-Mitarbeiter in den sechs westdeutschen Werken legt die Gewerkschaft ihre Vorstellung vor. Hier wie dort ist die Erwartung ziemlich präzise: Rund sechs Prozent mehr Geld werden IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie, (IG BCE) für ihre Mitglieder verlangen. Damit ist die Tarifrunde 2011 eröffnet.

Die Wortmeldungen aus der Politik über Möglichkeiten und Notwendigkeiten höherer Löhne waren nur Wichtigtuerei – Tarife werden von den Tarifparteien gemacht. Darauf wies kürzlich Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hin, indem er den Ball elegant zurückspielte: Wenn die Politik höhere Einkommen wolle, dann könne sie das vom Januar an in den Tarifgesprächen für die 650 000 Beschäftigten der Bundesländer vereinbaren. Hundt weiß genau, dass die Politiker wieder mit dem Argument der miserablen Haushaltslage die Forderungen der Gewerkschaften zurückweisen werden.

Die Chemiearbeitgeber können das nicht. BASF, Bayer und Merck verdienen nach überstandener Krise glänzend. Dazu kommt der Nachholbedarf der Arbeitnehmer. Denn 2010 gab es keine Lohnprozente, sondern „nur“ eine Einmalzahlung von bis zu 715 Euro. Für 2011 steht eine dauerhaft wirkende Prozenterhöhung an. „Da muss etwas mit einer Drei vor dem Komma rauskommen und hinter dem Komma muss auch noch was stehen“, heißt es in Gewerkschaftskreisen. Unter Drei, das wissen auch die Arbeitgeber, werden sie nicht aus der Nummer rauskommen. Die Forderung der IG BCE dürfte entsprechend ausfallen: Um am Ende gut drei Prozent zu kriegen, muss man sechs Prozent fordern.

Mit drei Prozent gibt man sich in Wolfsburg bei VW nicht zufrieden. Zu gut verkaufen sich die zehn Marken von Europas größtem Autokonzern in aller Welt. Selbst im Krisenjahr 2009 hatte die IG Metall noch eine Erhöhung von 4,2 Prozent (wirksam zum 1. Januar 2010) für die 100 000 Beschäftigten in den sechs westdeutschen Werken durchgesetzt. In den ostdeutschen VW-Werken (Zwickau und Chemnitz) werden die Beschäftigten nach dem dort geltenden Flächentarif bezahlt – der deutlich unter dem Wolfsburger Haustarif liegt.

Der öffentliche Dienst, die Chemie und VW starten also in das Tarifjahr 2011, in dem insgesamt für 7,5 Millionen Arbeitnehmer die Einkommen neu verhandelt werden. Das muss nicht immer von Vorteil sein für die Beschäftigten: In der Druckindustrie haben die Arbeitgeber den Manteltarif gekündigt, um womöglich Arbeitszeiten zu verlängern und überhaupt die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Und auch im öffentlichen Dienst der Länder dürfte es wieder eine zähe Verhandlung werden. Die Finanzminister werden auf den letztjährigen Verdi- Abschluss für die Angestellten der Kommunen und des Bundes verweisen: Die bekommen zum 1. Januar eine Erhöhung um 0,6 Prozent plus einmalig 200 Euro. Im August gibt es einen weiteren Aufschlag um 0,5 Prozent. Damit gleicht die Einkommensentwicklung bei den Staatsdienern bestenfalls die Inflationsrate aus, die nach der Prognose des Sachverständigenrats 2011 bei 1,4 Prozent liegen könnte.

Die Preissteigerung und das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum sind für die meisten Gewerkschaften die Richtgröße für verteilungsneutrale Tarifabschlüsse. Wenn die Produktivität, wie vom gewerkschaftseigenen Institut IMK erwartet, im kommenden Jahr um 1,5 Prozent steigt, sollten also Tariferhöhungen von knapp drei Prozent drin sein.

Das ist kein Problem bei der Telekom, für deren 100 000 Beschäftigte die Verhandlungen Mitte Januar beginnen, und auch nicht für die Versicherungen. Verdi hat bereits für die 175 000 Arbeitnehmer der Assekuranz sechs Prozent mehr Geld gefordert. Schwieriger werden die anstehenden Verhandlungen im Handel, auf dem Bau und im Gastgewerbe. So will die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten für eine Million Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe zwischen fünf und sechs Prozent mehr Geld. Eine Drei vor dem Komma ist unwahrscheinlich.

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